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Dieser Luzerner Rapper passt in keine Schublade: Visu ist auf der Suche nach dem Gleichgewicht

Visu macht Rap, der etwas durch das Zeitgeistnetz fällt. Dafür kann man dem 23-jährigen Luzerner aufmerksamer zuhören. Er hat nämlich mehr zu sagen, als viele seiner Rapkollegen.
Michael Graber
«Die Extreme interessieren mich sehr», sagt Visu. (Bild: PD)

«Die Extreme interessieren mich sehr», sagt Visu. (Bild: PD)

Rap ist ein grosses Rollenspiel. Die einen machen auf starken Mann, andere versuchen sich als tiefsinnige Poeten, wieder andere geben sich als notorische Weltverbesserer. Dann gibt es jene, deren Hauptaussage der Spass am Spass ist. Und dann gibt es noch Visu. Vincenz Suter ist irgendwie alles und doch herzlich wenig von alledem. Und während der Hip-Hop immer autotuniger, trapiger und refrainverliebter wird, macht Visu auch Hip-Hop, wie man Hip-Hop vor all diesen Trends gemacht hat.

«Für mich steht immer der Text im Vordergrund. Und wichtig ist mir, dass ich die Musik fühle», sagt der 23-jährige Suter beim Kaffee in Luzern. Er ist ein angenehmer Gesprächspartner, denkt immer kurz nach und hinterfragt sich ständig selber. Von verbaler Kraftmeierei oder unüberlegtem Geblödel ist Visu weit entfernt, «ich wüsste auch nicht, warum ich das machen sollte». Rappen kann Visu, technisch muss er sich nicht verstecken, insgesamt fällt er mit seiner Soundästhetik aber irgendwie durchs Zeitgeistnetz. «Ich würde mich nicht wohlfühlen, einen Musikstil zu machen, nur weil er gerade in ist», sagt Visu. Und das ist eine gute Nachricht: Wer nicht jedem Trend hinterherhechelt, hat mehr Luft für seine eigenen Projekte.

Stetes Suchen des Gleichgewichts

Und Visu verfolgt sein Projekt mit Ehrgeiz, Akribie und Hartnäckigkeit. All das, was man braucht, wenn man 2019 noch eine CD veröffentlichen will. «Ich wollte einfach unbedingt mal eine CD machen», sagt Visu, das sei auch gedacht «für Tanten, Onkeln und die Eltern», die ständig fragten, «wann ich endlich eine CD mache». Vorher hat er Songs, Mixtapes, Gratisdownloads veröffentlicht. All das sei nicht weniger «wertig» als eine CD, aber halt doch für viele Vertreter der älteren Generation «weniger fassbar». Er denke zwar nicht, dass er noch einmal ein Album machen werde, einfach, weil es das heute im Streaming-Zeitalter gar nicht mehr brauche. Aber: «In die Charts zu kommen wäre schon schön», so Visu. Auch ein bisschen für «mein Mami», wie er unverhohlen zugibt.

«Libra» heisst die Scheibe, die nun Charts stürmen und Mami glücklich machen soll. «Libra» ist Lateinisch für Waage. «Es geht mir um ein Gleichgewicht», sagt Visu. Ein Gleichgewicht aus all den eingangs beschriebenen Rollen. Ein Gleichgewicht zwischen Disco und Bibliothek. Ein Gleichgewicht zwischen Posen und Hirn. Aber ist man mit 23 Jahren nicht noch etwas zu jung, um seine eigene Mitte zu suchen? Visu denkt nach. «Die Extreme interessieren mich sehr. Ich befinde mich sehr stark in ihnen und suche wohl ­gerade deswegen das Gleichgewicht.»

Aber das Gleichgewicht findet man erst, wenn man das Pendel mal in alle Richtungen ausschlagen lässt. Das geht auch «Libra» selber so. Vom groovigen Partytrack bis zum nachdenklichen Song hat es alles auf dem Album. Mal punchig, mal catchy, mal etwas vertrackter. «Mein roter Faden sind meine Stimme und meine Texte», sagt Visu. Viel Witz, aber auch viel Aussage. «Libra», dieses Mal ist der albumbetitelnde Track gemeint, ist eine wütende Gesellschaftskritik. Davor berserkert er in «Shots!» 2 Minuten und 33 Sekunden lang einfach rum. Und danach geht es in «Lebendig oder ned» um das Flirten.

Der Preis des Gleichgewichts ist, dass es am Schluss halt eben viel und doch auch nichts ist. Visu versteht, wenn man dies an «Libra» kritisiert, entgegnet aber, dass «ich mich nicht einschränken wollte». Jeder dieser Songs sei Teil von ihm und das wolle er abbilden. Diese Lust am einfach rauslassen ist er­frischend. Wo sonst oft Konzeptsitzungen zu hören sind, macht Visu einfach. «Ich habe nie überlegt, wie ich klingen will, sondern überlege immer, was passt gerade», sagt Visu.

Von Beromünster in die Stadt Luzern

So ist es auch wenig verwunderlich, dass Visu zwar Rapper aus Luzern ist, aber doch nicht recht Teil des 041-Kuchens um Mimiks, Dave und Co. ist. Visu klingt anders. Mit den 041-Jungs sei er zwar befreundet, aber ihre Lebenswelt sei eine an- dere gewesen. Während die 041-Leute alle aus einem städtischen Umfeld kommen, ist Visu in Beromünster aufgewachsen und wohnt erst seit einem Jahr in der Stadt. Das macht resistenter gegen Trends – auch weil diese den Weg in ländliche Gemeinden oft auch erst mit etwas Verspätung finden.

Visu ist immer dann besonders gut, wenn er locker-ironisch-witzig über die Beats tänzelt. Seine deeperen Texte sind zwar auch gut, manchmal spürt man den Anspruch, etwas sagen zu wollen, aber etwas zu sehr. Aber: Immerhin will er etwas sagen. In dieser oft oberflächlichen und klangbesoffenen modernen Rapwelt ist das ein schöner Kontrapunkt. Visu ist darum erfrischend, weil er nichts sein will, sondern einfach ist. Mit den Charts hat’s übrigens geklappt. Platz 9!

Plattentaufe: Samstag, 8. Juni, 21.00 Uhr, Schüür, Luzern.

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