Im neuen Programm suchen Ursus und Nadeschkin noch nach dem roten Faden

Ursus und Nadeschkin stehen nach zwei Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne – mit gemischten Gefühlen.

Interview: Desirée Müller
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Im Chössi-Theater in Lichtensteig fand die erste von 17 Probe­vorstellungen statt.

Im Chössi-Theater in Lichtensteig fand die erste von 17 Probe­vorstellungen statt.

Nadeschkin zupft ihre blonden, struppigen Haarsträhnen zurecht, während Ursus Plüschhasen und einen Zauberwürfel auf die Seite räumt. Der Backstagebereich des Chössi-Theaters in Lichtensteig gleicht einem Spielzeuggeschäft. Alles Utensilien, die das Komiker-Duo für sein neues Programm «Tanz der Zuckerpflaumenfähre» benötigt – oder eben auch nicht. Bisher ist nämlich noch nichts in Stein gemeisselt. Dementsprechend kryptisch liest sich der Programmflyer: «Es geht um Ohrfeigen und Platzwechsel, um Neugier und Zitronen und Brillen, die fehlen, wenn sie uns fehlen», so ein kurzer Ausschnitt. Einen roten Faden scheint das Stück (noch) nicht zu haben. «Den müssen wir in den nächsten Monaten finden», sagt Nadeschkin und zieht eine Augenbraue hoch. «Das ist auch das Ziel eines Tryouts», ergänzt Ursus. Er spricht von den 17 Probevorstellungen vor Publikum. Die erste fand vergangenen Freitag in Lichtensteig statt.

Programm auf die Probe stellen

«Bisher konnten wir nur ahnen, wann die Zuschauer wie reagieren», sagt die 49-jährige Stadtzürcherin. Eine Sekunde zu langes Lachen und schon könnte die Pointe untergehen. «Eigentlich gibt es bei uns aber keine Pointen. Wir arbeiten auf lustige Situa­tionen hin», korrigiert sich ­Nadeschkin. Aktuell besteht das Programm aus einem Potpourri an Nummern, welche die letzten Jahre nahe dem Papierkübel an der Ideenwand im Proberaum geruht haben. «Damals passten sie nicht ins Programm. Wir wussten, dass sie interessant sind, aber nicht, wieso », erklärt Ursus und reibt sich theatralisch das Kinn. In dieser neusten Produktion gibt es kein Hauptthema, das sich durchs Programm zieht, wie zum Beispiel bei den Programmen «Im Orchestergraben», «Sechsminuten» oder «Weltrekord». «Das gibt uns viele Freiheiten», schätzen die beiden. Generell wird bei Ursus und Nadeschkin immer in der Wir-Form gesprochen. Die beiden Komiker scheinen gar zu einer Symbiose mutiert zu sein. Von «fremdeln» nach der zweijährigen Spielpause ist nichts zu spüren.

Es ist nach zwei Jahren Ihre erste gemeinsame Tournee.

Ursus: In der Tat. Die Pause tat uns gut. Nadeschkin und ich haben an unterschiedlichen, spannenden Projekten gearbeitet. Vieles ist seither anders. Andere Idee, andere Schwierigkeiten. Aber genau das wollten wir. Nicht gleich wieder ins alte Muster fallen.

War es komisch, nach zwei Jahren wieder zusammen- zuarbeiten? Nadeschkin: Wir waren sehr schnell wieder gemeinsam am Start. Wie schnell, darüber haben wir selber gestaunt. Es war, als hätte es die Pause nie gegeben. Unser Vertrauen konnte über dreissig Jahren wachsen, das verbindet.

Waren Sie immer schon lustig?

Nadeschkin: Als ich Urs kennen lernte, war ich sehr ambitioniert und wollte unbedingt witzig sein – war es aber nicht. Wenn man jung ist, und noch seinen Platz in der Welt sucht, fehlt einem hier vielleicht ein Stück weit die Selbstironie, die es für eine gesunde Portion Komik aber unbedingt braucht. Auch die Distanz zu sich selber. Man reflektiert das eigene Leben ganz anders, wenn man mehr Erfahrung mitbringt. Älterwerden ist kein Zuckerschlecken, aber Ursus und ich glauben, dass man mit zunehmenden Jahresringen immer noch lernen und lustiger werden kann.

Ursus: Die Klassenclowns waren wir beide nicht. Ich mache eigentlich auch keinen Unterschied zwischen dem Bühnen- und dem Zuhause-Urs. Auch sage ich nicht: So jetzt bin ich lustig! Ich denke , Nadeschkin und ich haben einfach ein Auge fürs Komische oder Absurde. Daher erleben wir wohl auch mehr Lustiges im Leben als jetzt vielleicht ein Bankdirektor.

Sind Sie bereit für das Publikum? Ursus: Nicht wirklich. Also eigentlich überhaupt nicht. Aber wir dürfen auch noch nicht fertig sein. Sonst wär’s ja ein Schreibtischstück. Man isst ja auch nicht ein Gipfeli, bevor es im Ofen war. Bei den Tryouts führen wir mit dem Publikum Dialog. Werfen uns imaginäre Bälle hin und her und testen die Reihenfolgen der Nummern. Wir wissen, wohin wir wollen. Dieses unfertige Gefühl müssen wir nun noch ein paar Wochen aushalten.

Nadeschkin: Wir haben auch noch ein paar Sachen auf der Reservebank.

Auf was kann man sich freuen?

Nadeschkin: Speziell ist sicher, dass viel getanzt wird. Von Hip-Hop zu Bollywood bis zu Ballett. Generell ein körperlich ganz schön anstrengendes Programm.

Ursus steigt ins Tutu?

Nadeschkin: Lassen wir uns überraschen. Ursus ist aber definitiv viel «ballettiger» als ich.

Ursus: Das stimmt erstaunlicherweise! Und Nadeschkin hängt mich im Hip-Hop ab.

Die Probevorstellungen werden in Kleintheatern aufgeführt. Gefallen Ihnen solche Lokale?

Nadeschkin: Absolut. Das ist genau unseres. Ab Dezember, wenn wir mit dem fertigen Programm auf Tour gehen, können wir leider nicht mehr in Sälen mit so wenigen Plätzen spielen. Da würden wir unsere Leute nur hässig machen, wenn die Karten in einem Tag schon ausverkauft wären. Aber genau in solchen Kleintheatern wie hier fühlen wir uns zu Hause.

Ursus: Wir mögen es eben eigentlich gar nicht, wenn die Zuschauer schon jubeln, bevor wir auf die Bühne kommen. Das geschieht in kleinen Veranstaltungsorten eigentlich nie. Die Leute sollen uns erst mal spielen lassen und dann können sie immer noch klatschen, wenn es ihnen gefällt.