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Die Tempel des Konsums sind keine mehr

Das Museum im Bellpark widmet sich umfassend dem Thema Shopping Center. Der Blick zurück stellt dabei auch die Zukunft in Frage.
Susanne Holz
Nicht nur negativ sieht Goran Galic die «Agglo» und «ihre Mall» – hier seine Serie zu Spreitenbach. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 23. August 2019)

Nicht nur negativ sieht Goran Galic die «Agglo» und «ihre Mall» – hier seine Serie zu Spreitenbach. Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 23. August 2019)

Im Untergeschoss des Museum im Bellpark Kriens lachen sie einem von einem Bild unter Plexiglas entgegen: Vier fröhliche Frauen mit toupierten Haaren und in typischer 60er-Jahre-Kleidung. Es sind Kundinnen und Besucherinnen der Eröffnung des Coop Center Alexanderhof in Chur – fotografiert im Juni 1966. Zur Verfügung gestellt hat die Fotografie das Coop Zentralarchiv Basel: für die aktuelle Ausstellung im Bellpark, «Shopping Center. Zur Zukunft des modernen Marktplatzes».

Auch das Archiv des Migros Genossenschaftsbundes Zürich stellte historische Aufnahmen zur Verfügung. Ebenso das gta Archiv der ETH Zürich: Im ersten Stock des Museums widmet sich ein ganzer Raum dem ersten Shopping Center in der Schweiz: dem Schönbühl Center in Luzern, eröffnet 1967. Erste Studien für diesen Bau stammen von Architekt und Stadtplaner Walter R. Hunziker.

Vom Familienparadies zur Ghetto-Falle

Von Hunziker, heute stolze 90 Jahre alt, ist in einem weiteren Raum im ersten Stock auf Video ein aktuelles Interview zu sehen, in welchem er sich an die grosse Zeit der Shopping Center in den Sechzigern erinnert. Hunziker hatte nicht nur Anteil am Bau vom Center Schönbühl, sondern auch an jenem des Shoppi Spreitenbach, das 1970 eröffnet wurde und bis heute als eine Art Modellfall aller Schweizer Shopping Center gilt: Beworben zunächst als Familienparadies, mit Hallenbad, Kinderbetreuung und Kegelbahn, dann in die Kritik geraten als zusätzliche Ghetto-Falle für die Bewohner der Agglomeration, und heute mit einer Neulesung bedacht – vielleicht ist ja alles gar nicht so schlimm mit diesem Shopping-Exzess in der Agglo?

Neue Betrachtung eines negativ besetzten Felds

Das scheint zumindest der coole Teenager auf dem grossformatigen Bild im ersten Stock sagen zu wollen, auf dessen Jacke die Postleitzahl von Spreitenbach prangt: 8957. Das Bild ist von Goran Galic und Teil seiner Fotoserie aus der Publikation «8957 Spreitenbach» aus dem Jahr 2015. «Hier wird ein negativ besetztes Feld, nämlich das von Agglomeration und Shopping-Center, neu betrachtet», sagt Hilar Stadler, Leiter des Museums im Bellpark. Hilar Stadler betont zudem die Bedeutung der aktuellen Ausstellung als Teil einer ganzen Reihe von Ausstellungen, die das Museum zum Thema Agglomeration schon gezeigt hat: im Fokus einmal die Autobahn, ein andermal die 70er-Jahre-Architektur.

Und natürlich werden nun mit all den Exponaten zu Schweizer Shopping Centern wichtige Frage ins Rollen gebracht: Welchen Veränderungen unterliegen diese monumentalen Inszenierungen der Warenwelt heute – erbaut seit den Sechzigern, das jüngste Center die erst im November 2017 eröffnete Mall of Switzerland? Sind die grossen Einkaufszentren die neuen Brachen, welche die Siedlung Schweiz schon bald ausscheidet? Hilar Stadler formuliert es auch so: «Sind wir womöglich die letzte Generation, die Samstag Vormittag ins Shopping Center fährt und alles Mögliche einkauft – vom Sportdress bis zum Orangensaft?» Denn natürlich liegt die Zukunft des Einkaufs im Internet. Und unter Verdacht ist heutzutage nicht nur der Konsum an sich, sondern auch das Auto an sich, das einen oft erst in die Center bringt.

Blickt man in die frustrierten Gesichter der beiden Knaben, in Wartehaltung in ihren Sesseln, die der Luzerner Fotograf Emanuel Ammon im Shoppingcenter Emmen abgelichtet hat, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manch einem der Untergang der Malls gelegen käme...

Eine einzige Mall steht leer in der Schweiz: in Chiasso

Mit dem Blick fürs Detail wiederum geht David Jäggi, Designer ZHdK, Zürich, das Thema an. Jäggi stellt im Rahmen dieser Ausstellung anhand zahlreicher Fotografien und eines von ihm kreierten Spielquartetts, die Ergebnisse seiner Recherchen der letzten Jahre über die Shopping Center der Schweiz vor. Unter den Fotografien sticht nicht nur die einer leeren «Chillecke» in der Mall of Switzerland, aufgenommen 2018, hervor, sondern auch ein Porträt der einzigen leer stehenden Mall in der Schweiz: des Centro Ovale in Chiasso.

Hinweis

«Shopping Center. Zur Zukunft des modernen Marktplatzes». Eine Ausstellung im Museum im Bellpark Kriens, bis 10. November. Geöffnet Mi-Fr 14-17 Uhr und Sa/So 11-17 Uhr. Mit Rahmenprogramm, siehe www.bellpark.ch

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