Die Tücken der «Elphi»

Simon Bordier, Hamburg
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Hamburg Im Finale von Beethovens achter Sinfonie scheinen alle «Vorwärts!» zu rufen, doch im Grund kommt niemand voran. Die Triolen der Geigen: ein nervöses Zittern. Die Viertel von Pauke und Fagott: ein Wippen von einem Bein aufs andere. Die Tuttischläge: ein Stampfen an Ort und Stelle. Das Orchester verstrickt sich in ein Fugato, es folgen ein Aufschrei der Celli und grüblerische Momente. Doch letztlich bleibt der Satz, was er sein soll: ein Fest der Übermütigen!

Der Kampfgeist stand den Festival Strings Lucerne am Donnerstag in der Elbphilharmonie in Hamburg gut zu Gesicht. Die Haltung von Konzertmeister Daniel Dodds und seinen Mitspielern erwies sich als richtig, um der tückischen Akustik des 2100 Plätze fassenden Saals zu begegnen.

Wie tückisch die «Elphi» ist, zeigte Beethovens «Tripelkonzert»: ein Werk, bei dem drei Solisten und das Orchester bestens eingespielt sein müssen, damit es nicht verstückelt wirkt. Mag sein, dass in der Interpretation der Festival Strings, der Geigerin Vilde Frang, des Cellisten Nicolas Alt­staedt und des Pianisten Nicholas Angelich der letzte Schliff fehlte. Engverzahnte Läufe zeigten allerdings, dass die Musiker gut aufeinander abgestimmt waren.

Die Klänge mischen sich nicht wie im KKL

Das Problem war ein anderes: Es wollte keine kammermusikalische Atmosphäre entstehen. Zum einen mischte sich der Klang nur schlecht. Man nahm im langsamen Satz die Hauptmelodie von Geige und Cello, die Arpeggio-Begleitung des Klaviers und die romantischen Hornklänge völlig separat wahr. Zum anderen erwies sich der feine, poetische Geigenklang Frangs als wenig tragfähig und recht blass. Dieser mag im KKL besser zur Geltung gekommen sein. Da nämlich spielten die Strings am Freitag dasselbe Programm, weshalb man für einmal ein Luzerner Konzert aus der Ferne besprechen kann.

Der Saal der Elbphilharmonie erfordert Impulsivität, wie sie der Pianist an den Tag legte, sowie rhythmische Konturen. Mit Letzteren haben die Strings zum Glück in Beethovens Achter nicht gegeizt, wodurch das Orchester erstaunlich kompakt wirkte. Das Publikum im ausverkauften Saal bedankte sich mit langem, fast nicht nachlassendem Applaus. Und wie angetan der Veranstalter vom Orchester ist, zeigt die Tatsache, dass es bereits am 8. Juni mit einem zweiten Programm in der Elbphilharmonie auftritt – mit Arabella Steinbacher als Solistin in Beethovens Violinkonzert.

Apropos ausverkauft: Hamburg ist nicht nur wegen der Elbphilharmonie aus dem Häuschen. Aufgewertet wird das ganze umliegende Hafenareal. So hat sich das «Theater der Welt», ein Festival mit 45 Produktionen aus fünf Kontinenten, überall in der Stadt eingenistet. Als Höhepunkt wird heute Abend Haydns «Schöpfung» in der Elbphilharmonie gezeigt. Schwer zu sagen, ob das «Theater der Welt» als Kontrastprogramm oder Einstimmung auf den G20-Gipfel zu verstehen ist, der im Juli in der Elbmetropole über die Bühne geht.

Simon Bordier, Hamburg

kultur@luzernerzeitung.ch