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Interview

Buchpreisträger Jonas Lüscher: Die Schweizer sind unpolitisch, weil sie übersättigt sind

Der Schweizer Buchpreisträger Jonas Lüscher erklärt im Interview, warum er nicht in eine Partei eintreten möchte und warum sich die Schweizer mehr für Kaffeeröstungen interessieren als für die echten Probleme dieser Welt. Am Freitag liest der Autor im Auditorium des KKL Luzern aus seinem Roman "Kraft" und unterhält sich mit "Literaturclub"-Moderatorin Nicola Steiner.
Interview: Julia Stephan
Autor Jonas Lüscher: «In der Sprache trete ich einen Schritt zurück und schaffe Distanz.» (Bild: Geri Born/PD)

Autor Jonas Lüscher: «In der Sprache trete ich einen Schritt zurück und schaffe Distanz.» (Bild: Geri Born/PD)

Jonas Lüscher, Ihre Texte sind gespickt mit Literaturzitaten und Verweisen auf historische Diskurse. Erstaunt es Sie, dass die Menschheit sich in der Vergangenheit so oft irrte?

Nein. Aus der Nähe bewertet man die Dinge oft falsch. Deshalb ist mir das Distanzierte und Ironische in meinen Texten auch so wichtig. In der Sprache trete ich einen Schritt zurück und schaffe Distanz, um nicht geblendet zu werden von den eigenen Gewissheiten. Wer Ironie verwendet, sollte sich ja immer im Klaren darüber sein, dass das eigene Vokabular und die eigene Sprache einen täuschen kann. So läuft man weniger Gefahr etwas aus der Nähe falsch zu beurteilen.

Diese Distanziertheit erlebt man auch, wenn Sie sich in der Öffentlichkeit politisch von keinem Parteiprogramm vereinnahmen lassen. Warum beziehen Sie keine Position?

Ich beziehe, so hoffe ich zumindest, doch recht klar Position. Aber es fällt mir in der Tat schwer, mich zu einer Partei zu bekennen. Ich bilde mir ein, ein kritischer Blick vertrage sich nicht mit einer Parteimitgliedschaft. Manchmal beschleicht mich aber das Gefühl, das sei nur eine billige Ausrede. Man kann ja schliesslich eine Partei auch von innen heraus kritisieren.

Eine Freundin meinte kürzlich: Wir Schweizer verwenden mehr Energie darauf, die perfekte Kaffeeröstung zu finden, als echtes gesellschaftliches Engagement an den Tag zu legen. Wann hat das angefangen mit diesem radikalen Rückzug auf die eigenen Bedürfnisse?

Die Übersättigung spielt sicher eine Rolle. Die meisten Schweizer haben keine existenziellen Probleme mehr. Und trotzdem spüren sie, dass sie nicht unbedingt glücklich sind, dass der Konsum sie nicht erfüllt. Diese Erkenntnis wirft einen auf sich selbst zurück. Man muss sich plötzlich den grossen Fragen stellen. Die können aber ziemlich furchteinflössend sein, also sucht man nach einem äusserlichen Problem, mit dem man sich beschäftigen kann – manchmal ist das die richtige Kaffeeröstung, manchmal ist es die Pflege der eigenen Ressentiments, im schlimmsten Fall nimmt man das populistische Angebot an und macht sich grosse Sorgen um die Sicherheit im öffentlichen Raum, obwohl die Zahl der Straftaten noch nie so niedrig war.

Wenn das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen kein neoliberaler Albtraum werden soll, muss das mit einem kompletten Wandel unseres Ausbildungssystems einhergehen.

Mal angenommen, wir hätten dank einem Modell wie dem bedingungslosen Grundeinkommen bald einen Haufen Menschen ohne existenzielle Probleme: Was werden die dann tun?

Wer heute viel vor dem Fernseher sitzt, wird vermutlich noch länger vor dem Fernseher sitzen. Es ist eine etwas romantische Vorstellung, das sich plötzlich alle dem Verfassen von Gedichten oder der Ölmalerei widmen werden. Die Schulausbildung, die wir geniessen, zielt nicht gerade darauf ab, einen darauf vorzubereiten, ein Leben selber zu gestalten. Man wird auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, um dort Erfüllung zu finden. Wenn das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen kein neoliberaler Albtraum werden soll, muss das mit einem kompletten Wandel unseres Ausbildungssystems einhergehen.

Tatsächlich müsste es wieder eine Bildung zur Selbstermächtigung im Humboldt’schen Sinn geben.

Zurück zum humanistischen Bildungsideal?

Tatsächlich müsste es wieder eine Bildung zur Selbstermächtigung im Humboldt’schen Sinn geben. Im Moment passiert aber das genaue Gegenteil. Wir machen da einen monumentalen Fehler. Dass die Wirtschaftsverbände Fächer aus dem technisch-naturwissenschaftlichen Bereich so wahnsinnig propagieren mit dem Argument, dass diese notwendig seien, um im Hinblick auf die künstlichen Intelligenz nicht überflüssig werden, halte ich für eine komplette Fehlüberlegung.

Wieso das?

Weil vermutlich diese quantitativ ausgerichteten Jobs wie die des Programmierers die ersten sein werden, die von der künstlichen Intelligenz übernommen werden. Die Tätigkeiten die Kreativität oder menschliche Zuneigung verlangen, werden hingegen, die sein, für die wir am längsten gebraucht werden.

Am Freitag, 8. Juni, 19 Uhr, liest Jonas Lüscher im Auditorium des KKL Luzern aus seinem Roman «Kraft» und unterhält sich mit «Literaturclub»-Moderatorin Nicola Steiner. Wir verlosen für den Anlass 3 x 2 Tickets. Wählen Sie bis zum 3.6. die Telefonnummer 0901 83 23 (1.50 CHF pro Anruf), oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Reguläre Tickets über www.kkl-luzern.ch

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