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Cineastisches Meisterwerk von Carlos Reygadas: Die Urkraft von Liebe und Begehren

Der Mexikaner Carlos Reygadas war schon immer ein Regisseur, der sich viel Zeit liess – in jeder Hinsicht. «Nuestro tiempo», sein neuer Film, geht hier besonders weit. Es ist nicht nur sein längster, sondern auch sein bisher zugänglichster Film.
Geri Krebs
Szenenbild aus «Nuestro tiempo» von Carlos Reygadas: das beeindruckende Werk eines grossen Bilderpoeten. (Bild: Look Now/PD)

Szenenbild aus «Nuestro tiempo» von Carlos Reygadas: das beeindruckende Werk eines grossen Bilderpoeten. (Bild: Look Now/PD)

Eigentlich beginnt «Nuestro tiempo» erst nach 45 Filmminuten. Da fällt der entscheidende Satz, eine Frage von Juan, dem erfolgreichen Poeten, an seine Ehefrau Ester: «Und? Hattest du gestern Sex mit Phil?» – Eine Frau und zwei Männer, davon handelt «Nuestro tiempo». So einfach ist das.

Eine Ahnung davon, was Glück sein könnte, hat der Film davor in seiner fast zwanzig Minuten dauernden Eröffnungsszene vermittelt: In prächtigem Cinemascope tollen Kinder und Jugendliche in einem flachen, schlammigen See herum, spritzen sich an, kreischen vor Vergnügen, irgendwann separieren sich die Jugendlichen von den Kindern, die Knaben erproben verspielte Annäherungsversuche an die Mädchen.

Atmosphärisch an Western erinnernd

Später sieht man die Eltern der Kinder auf der Ranch des Protagonistenpaares Juan und Ester. Drei der Kinder, die man zuvor gesehen hat, sind ihre eigenen, und als einträgliches Geschäft züchtet das Ehepaar Kampfstiere und Pferde. Das Paar hat eine ganze Schar von Angestellten, darunter auch Phil, den Pferdeflüsterer. All das ist in Bildern von strahlender, stets etwas unwirklich erscheinender Schönheit inszeniert, erinnert atmosphärisch an einen Western.

Hier, bevor die Geschichte so richtig beginnt, zeigt sich der Bildermagier Reygadas ganz in seinem Element – in Szenen scheinbar alltäglicher Beobachtungen, die unmerklich mythische Bedeutung bekommen. Darin erweist Reygadas sich als einer der Nachfolger Andrei Tarkowskis, eines der erklärten Vorbilder des 1971 geborenen Mexikaners und für den das Kino stets näher mit Poesie als mit Erzählen von Geschichten zu tun hatte. Denn so vordergründig banal diese Geschichte vom Ende einer sogenannt offenen Ehe ist, wenn man sie in Worte fassen will, so unendlich reich ist sie in ihrer visuellen Poesie, ihrem Mut zu Langsamkeit und einem assoziativen Erzählfluss.

Natürlich gab es vergangenes Jahr am Filmfestival von Venedig, wo «Nuestro tiempo» Weltpremiere feierte, jene Kritiker, die den Kurzschluss von den Kampfstieren zum «gehörnten» Ehemann machten. Und die ausserdem im – doppelten – Schauspieldébut von Carlos Reygadas und seiner Ehefrau Natalia López als Protagonistenpaar über den autobiografischen Anteil der Geschichte spekulierten. Doch damit hat man Reygadas, der vor seiner Cineastenkarriere Diplomat war, gründlich missverstanden.

«So einfach ist das nicht»

«Es lag mir fern, mit den kämpfenden Stieren die Metapher der männlichen Realität weiterzuführen. Denn so einfach ist das nicht», sagte er in einem Interview und betonte, der einzige seiner bisher fünf Filme mit autobiografischen Anteilen sei «Stellet Licht». Ein Mann, zwei Frauen, angesiedelt im Milieu strenggläubiger Mennoniten, das war der Plot jenes Filmpoems aus dem Jahr 2007. So einfach, so rätselhaft – wie alle Filme dieses grossen Bilderpoeten.

«Nuestro tiempo» läuft ab 30.Mai 2019 im Stattkino Luzern.

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