Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Die verlorene Freiheit in Putins Russland

Masha Gessen ist eine gewichtige Stimme der Exilrussen: Die Autorin erhält im März den Leipziger Buchpreis. In ihren neuem Buch berichten junge Russinnen und Russen von ihren Hoffnungen und Ängste.
Erika Achermann
Putin überall: Wer in Russland seine Stimme gegen ihn erhebt, lebt gefährlich. (Bild: Getty)

Putin überall: Wer in Russland seine Stimme gegen ihn erhebt, lebt gefährlich. (Bild: Getty)

Es war Ende 1980er Jahre als Masha Gessen als Journalistin begeistert den Aufbruch ihres Landes zu Freiheit und Demokratie beobachtete. 1994 kehrte sie aus dem New Yorker Exil, in das sie als Kind 1981 mit ihrer Familie gezogen ist, nach Moskau zurück. Allerdings musste sie recht bald feststellen, dass die Perestroika ein paradoxes Unterfangen war: «Die Partei wollte das Land aus den Kommandostrukturen lösen und bediente sich dabei ebendieser Strukturen». Die Angst der Mächtigen vor dem Machtverlust war gross und so stellte Gessen den allmählichen Tod der Demokratie fest. Sie kehrte nach New York zurück, denn als kritische Aktivistin und Jüdin, die in einer lesbischen Beziehung lebt, hätte sie in Russland kein angenehmes Leben.

Die russische Autorin Masha Gessen (Tanya Sazansky/Riverhead Publishers via AP)

Die russische Autorin Masha Gessen (Tanya Sazansky/Riverhead Publishers via AP)

Wer heute in Russland seine kritische Stimme erhebt, wird entweder ermordet wie Boris Nemzov, eingesperrt wie Michail Chodorkowski oder bei einem Säureattentat gesundheitlich geschädigt wie Alexej Nawalny, um nur die berühmtesten Personen zu nennen. Die Eliten wissen, dass heute jeder Funktionär im Gefängnis landen kann.

Putin und die Folgen

Masha Gessen schrieb nicht nur das vielbeachtete Buch «Putin. Der Mann ohne Gesicht», sondern zeigt in ihrem neuen faktografischen Roman / Faktenroman «Die Zukunft ist Geschichte» eindrückliche Porträts von Shanna, Mascha, Serjosha und Ljoscha, junge Menschen, die eigene Wege suchen.

Sie hat aber auch viele Stunden mit dem Soziologen Lew Gudkow gesprochen, dem Direktor des Lewada-Zentrums, dem einzigen unabhängigen Meinungsforschungsinstitut in Russland sowie mit der Psychoanalytikerin Marina Arutunjan. Interessent ist auch ihre Nachverfolgung des Weges des Philosophen Alexander Dugin, der zum Berater Putins avancierte. Dugin fasste seine Ideen unter dem Titel «Nationalbolschewismus» zusammen, ist fasziniert von Hitler und trifft sich mit westeuropäischen Intellektuellen der Neuen Rechten.

Masha Gessen hingegen sagt: «Wer das eigene Dasein in der Welt als sinnvoll erfahren will, braucht Freiheit.» Doch wie sich Freiheit lebt, erfuhr die postsowjetische Gesellschaft schmerzlich. Denn in der russischen Gesellschaft gehörten «Opfer und Täter derselben Familie an. Beim Holocaust ging es um die Auslöschung des Anderen. Der sowjetische Terror war selbstzerstörerisch» (Alexander Etkin). Folglich wird private Erinnerung eher unterdrückt. Die Hoffnungen setzten sich auf steigenden Lebensstandard. Gerade diese Hoffnungen erfüllten sich nach den turbulenten Neunzigerjahren nur für einige wenige. Die Anzahl der Russen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, geht zurück. Man spüre das von Kaliningrad bis Wladiwostok, sagt der Schriftsteller Viktor Jerofejew. Überall werden Konzerte junger Rapper verboten; man fürchtet, sie könnten sich politisieren. Und bei einer Umfrage des Lewada-Zentrums, wer die wichtigsten Persönlichkeiten Russlands seien, stand Stalin 2017 auf Rang eins und Putin auf dem zweiten Platz, gemeinsam mit dem Dichter Alexander Puschkin.

Die Ermordung von Boris Nemzow

Bevor Boris Jelzin 1999 Wladimir Putin zu seinem Nachfolger erkor, hatte er Boris Nemzow als seinen Nachfolger vorgesehen. Nemzow war von 1991 bis 1997 Gouverneur in Nishni Nowgorod; die Stadt galt als Vorbild für einen geglückten Übergang in die Zeit des Postkommunismus. Doch Nemzow brüskierte die Oligarchen, indem er ihren politischen Einfluss begrenzen wollte. Weil diese jedoch die Medien kontrollieren, konnten sie Nemzow öffentlich verleumden und seine Beliebtheitswerte stürzten danach in den Keller. Mit Wladimir Putin wurde die Zukunft Geschichte. Nemzow verglich die neue Regierung Moskaus mit dem Hof des letzten Zaren, «heute gibt es bei uns eine Art kollektiven Rasputin». Im Februar 2015 wurde er in Moskau ermordet.

Seine Tochter Shanna hatte es schon vorher nicht lange in Moskau ausgehalten. Auf der Schule des Neureichen-Nachwuchses wurde sie gehänselt, weil ihr nicht nach Partys und westlichen Autos zumute war. So zog sie wieder nach Nishni Nowgorod auf die Datscha ihrer Grossmutter und fuhr mit dem Fahrrad in ihre frühere Schule, auf der sie sich wohlgefühlt hatte. Später emigrierte sie nach New York, doch nach dem 11. September reiste sie, nachdem sie dem Aufruf zur Blutspende für die Opfer gefolgt war, verschreckt wieder heim. In Russland titelte eine Boulevardzeitung hämisch: «Shanna Nemzowa vergoss Blut für Amerika». Heute lebt sie in Bonn und arbeitet bei der Deutschen Welle. Sie gründete eine Stiftung, die nach ihrem Vater benannt ist.

Geprügelt, verhaftet, emigriert

Mascha hat eine «Karriere» als Aktivistin. Sie ging auf alle wichtigen Demonstrationen, wurde geprügelt, verhaftet. Serjoscha ist Realist. Manchmal kam es ihm vor, als sei er – oder alle anderen – verrückt geworden. Er studiert an der Moskauer Staatsuniversität und kann nicht glauben, dass dort alle nur auf Putin gewartet haben. Ljoscha demonstriert für die Rechte der Homosexuellen, Schlägertrupps marschieren auf, dann die Polizei. Doch diese verhaftet nicht die Schläger, sondern die friedlichen Schwulen. Schliesslich wandert Ljoscha nach New York aus. Die drei mutigen jungen Leute, Gessen nennt sie nur beim Vornamen, sowie Shanna Nemzowa, haben Masha Gessen jeweils über den Zeitraum eines Jahres hinweg aus ihrem Leben berichtet.

Die politischen Fakten aus Russland sind nicht neu; sie waren in den letzten Jahren aus den Medien bekannt. Masha Gessen stellt sie nun in einen detailreichen Kontext, macht das Leben ihrer Figuren anschaulich und fügt alles zu einem erschreckend facettenreichen Bild Russlands.

Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor. Suhrkamp, 650 S., Fr. 37.-

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.