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Es brennt und zischt an der Kreuzlinger Premiere

Das See-Burgtheater Kreuzlingen inszeniert Max Frisch auf der Seebühne. Unter freiem Himmel können sich ­Biedermann und die Brandstifter austoben – und sind beklemmend aktuell.
Dieter Langhart
Biedermann (Adrian Furrer) zwischen den Brandstiftern Schmitz (Hans-Caspar Gattiker, links) und Eisenring (Andrej Reimann). (Bild: Mario Gaccioli)

Biedermann (Adrian Furrer) zwischen den Brandstiftern Schmitz (Hans-Caspar Gattiker, links) und Eisenring (Andrej Reimann). (Bild: Mario Gaccioli)

Hei, wie das blitzt und knallt und in den Bodenseehimmel leuchtet! Wieder brennt ein Haus, wieder haben die Brandstifter zugeschlagen. Leichtes Spiel hatten sie, denn Herr Biedermann wollte doch nur, dass die Menschlichkeit das Misstrauen besiegt und sie seine Freunde werden.

Während der Regisseur Gönner und Regierungsräte begrüsst, dreht ein Mähroboter seine Runden vor Biedermanns rosa Haus, sitzt ein Pärchen am Ufer, flitzen Möwen übers Wasser. Doch dann zieht sich der Himmel zu, eine Glocke ruft die Zuschauer an ihre Plätze. Leopold Huber tritt vor die Tribüne und sagt: «Wir sind hinfällige Menschen.» Und lässt die Feuerwehr vorfahren. Hei, wie der Magirus Deutz knattert und stinkt. Die Feuerwehrleute springen heraus und gehen vor Biedermanns Haus in Stellung. Noch brennt es nicht.

Bald ist es zu spät für Einsicht und Handeln

Sie bilden den Chor, da der antike Chor Max Frisch «immer an die brave Feuerwehr erinnert hat, die auch nichts machen kann, ­bevor es brennt», wie er zur Uraufführung vor sechzig Jahren schrieb, denn «dann ist es ja – in der Tragödie und heute – zu spät». Der Chor vertritt die Stadt und somit uns Zuschauer, er «wacht, beschwichtigt und warnt». Noch brennt es nicht.

Der Haarwasserfabrikant Gottlieb Biedermann tritt vors Haus, zündet sich eine Zigarre an, kommentiert empört die ­Zeitungsmeldungen von Feuersbrünsten und Brandstiftungen. Der Besuch des Ringers Schmitz ist ihm lästig. Der, eine Mischung aus triefender Sentimentalität und höhnischer Verschlagenheit («Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke Wahrheit – die glaubt niemand»), schmeichelt und bittet um ­Obdach im feuergefährlichen Estrich. Biedermann sträubt sich, erliegt aber der Schmeichelei. Geschickt versteht es Schmitz, des Hausherrn Spiessermen­talität zu manipulieren, seinen Egoismus, sein Misstrauen, sein schlechtes Gewissen, sein Sicherheitsdenken. Als auch sein Kumpan Eisenring sich auf dem Dachboden einnistet, als sie Fässer voller Benzin hochhieven und Zündschnüre anschliessen, ist es zu spät für Einsicht und Handeln.

Regisseur Leopold Huber ist begeistert von Max Frischs glasklarer und scharfer Sprache. Und er bleibt ganz nah an der Vorlage.

«Zum ersten Mal in vierzig Jahren habe ich kein Wort gestrichen oder geändert.»

Er belässt also dem Stück das Parabelhafte und überlässt uns Zuschauern die aktuelle ­Zuweisung. Vielmehr beunruhigt Huber die Gewalttätigkeit der Brandstifter, die ohne Ideologie zu Werke gehen, die ganz gewöhnliche Verbrecher sind.

Biedermann verbrüdert sich mit den Brandstiftern

Grandios spielen Hans-Caspar Gattiker und Andrej Reimann die Brandstifter: den unverschämt grinsenden und durchtriebenen Schmitz in Netzhemd und Lederjacke und den sich kultiviert ­gebenden Eisenring im Frack. Adrian Furrer gibt den trägen, verwöhnten Bürger Biedermann als eiskalten Rechner, der seinen Mitarbeiter Knechtling in den Selbstmord treibt und dessen Witwe des Hauses verweist. ­Astrid Keller (Babette Biedermann) und Maria Lisa Huber (Dienstmädchen Anna) geben den von Frisch etwas blass gezeichneten Frauenfiguren Profil und Witz. Biedermann lädt die Verbrecher zum Abendessen, verbrüdert sich lärmend mit ihnen, um sie nicht zu vergrämen. Dann brennt und knallt es. Dann brandet der Premierenapplaus.

Seeburgpark Kreuzlingen; bis 9.8. www.see-burgtheater.ch

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