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Lucerne Festival: Die Welt als Wunder und Marktplatz

Das Konzert im Maihof macht einen Spagat zwischen Gebet und «Pinkelgraben». Was musikalisch nicht zusammenpasst, wird genau in seiner Unvereinbarkeit gebunden.
Roman Kühne
Der Akademiechor Luzern und die Junge Philharmonie Zentralschweiz konzertierten im Maihof. (Bild: Peter Fischli/LF (Luzern, 8. April 2019)

Der Akademiechor Luzern und die Junge Philharmonie Zentralschweiz konzertierten im Maihof. (Bild: Peter Fischli/LF (Luzern, 8. April 2019)

Vielleicht gehören sie ja doch ­irgendwie zusammen. Religion und das bunte Treiben der Strassenverkäufer. Stille Gebete und schreiende Superlative. Reine Seelen und dreckige Geschäfte. Das Konzert des Lucerne Festivals vom Montag im Maihof versucht nämlich genau diese zwei Pole zu paaren.

Der Auftritt der Jungen Philharmonie Zentralschweiz und des Akademiechors Luzern, beide von der Musikhochschule Luzern, vereinigen das stille Gebet «Le Miroir de Jésus. Mystère du Rosaire» (1923) von André Caplet mit «The Cries of London» von Howard Arman, der den Abend auch dirigiert. Gegensätzlicher könnten die Werke kaum sein.

Aber vielleicht ist es wie in der Architektur, wo es oft besser funktioniert, neue Bauten wuchtig gegen das Alte zu stellen, statt sich mit diesem anzubiedern. Denn genau diese Gegensätzlichkeit lässt erst beide Welten nebeneinander bestehen.

Wunderbare Klangwelt

So ist «Le Miroir de Jésus» besinnlich, meditativ, 60 Minuten lang und kirchlich. Und es ist eine dieser Kompositionen, die viel zu selten an einem Konzert erklingt. Der Franzose André Caplet zeigt sich als wahrer Meister in der Handhabung der Stimmen und Instrumente. In einer reduzierten Besetzung mit Streichern, einer Harfe und einem Frauenchor gelingt es ihm, eine gar wundersame Palette an Farben, Klängen und Stimmungen zu formen. Andere Komponisten würden dafür grosse Orchester brauchen.

Dies erstaunt nicht, hat Caplet doch etliche Klavierstücke seines Freundes Claude Debussy orchestriert, unter anderem dessen lautmalerisches «Claire de Lune». Ja teils jene sogar fertig geschrieben, wie das Kinderballett «La Boîte à joujoux». Die detailgenaue Leitung von Howard Arman – die auch während Jahren dem Luzerner Theater zugutekam – bringt diese Klänge zu Leben und Wirkung.

Das diabolische Stampfen der Harfe zu Beginn der «Agonie im Garten», der schleppende Anfang beim «Kreuzweg» oder die schmerzhafte Einleitung in den «Miroir de peine», welche diesen Spiegel des Leidens im Zeitraffer wiedergibt.

Konzentriert und empfindsam erzählen die Musikerinnen und Musiker die Geschichte. Ein Spiel von Glauben, Emotion und Gedanken. Der gut tarierte Frauenchor singt kompakt und organisch. Gepflegt und mit ausgezeichneter Klangkultur.

Drehender Kreisel in diesem Spiegelsaal ist die Sängerin ­Marie-Claude Chappuis. Die Schweizer Mezzosopranistin artikuliert den französischen Text klar und sinnig. Mit kontrolliertem Vibrato und einem unaufgeregten, tiefen Empfinden singt sie die Gebete fassbar und transparent. Qualitäten, die auch auf ihrer im letzten Jahr veröffentlichten CD mit Schweizer Volksliedern zum Tragen kommen. Eine Sammlung vor allem französischer Lieder (Au vieux temps) mit deutschen Ergänzungen (Guggisberglied).

Eigentlich wäre das Konzert nach dem Verklingen der letzten Takte hier an seinem natürlichen Schluss. Die «Krönung im Himmel» kann der Komponist, überwältigt ob des göttlichen Wunders, nur noch in einem Sprechgesange fassen. Ein letztes Mal erhebt sich der Chor. Das Gebet ist vollendet. Dann der Bruch.

Mit Schmunzeln plakatiert

Witzig leitet Howard Arman von der Erhebung weg hin zu seiner weltlichen Welt. Alles ist jetzt anders. «The cries of London» ist sieben Minuten kurz. Es ist schnell, aggressiv, ironisch und theatralisch. Es ist ein Stück, wo Howard Arman die Marktschreier vergangener Zeiten vertont und mit einem Schmunzeln plakatiert.

In einer Mischung aus Melodien der Renaissance und modernen Klängen preisen, johlen und jauchzen die Verkäufer. Ob Fisch, Kerzen oder Tinte – alles wird hier feilgeboten. Was um morgens drei Uhr beginnt, steigert sich immer mehr in einen Wald aus Rufen und Singen. Kulminationspunkt ist die Meldung, dass man eine Frau vermisst, verloren gegangen zwischen «Wirtshaus und Pinkelgraben». Vier Pennys werden als Finderlohn geboten, und das ist «bei Gott mehr, als sie wert ist». Womit sich die Religion und der Alltag zum Abschluss doch noch finden.

Tipp: CD mit Schweizer Volksliedern «Au Cour des Alpes» von Marie-Claude Chappuis (Sony).

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