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Die Welt ringt mit alten Dämonen

Clément Moreaus Zyklus «Nacht über Deutschland» gilt als eines der wichtigsten Werke antifaschistischer Exilkunst. Zu seinem 30. Todestag würdigt das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen den Künstler.
Dorothee Haarer
«Der illegale Radiosender» Werk von 1940. (Bild: PD)

«Der illegale Radiosender» Werk von 1940. (Bild: PD)

Was Flucht und Fremdbestimmung bedeuten, lernt Clément Moreau, der als Carl Josef Meffert in Deutschland zur Welt kommt, früh. Er ist ein uneheliches Kind. Mutter Gertrude und Vater Josef heiraten nie, da Josef bereits verheiratet ist. 1905 aber adoptiert der Vater den Sohn. Mit elf schickt er ihn in eine Erziehungsanstalt.

Schulbildung erhält das Kind dort kaum. Dafür lernt es schuften und reisst wiederholt zu seiner Mutter aus, wenn ihm das Heim unerträglich wird. Mit 16 geht Carl zum «Spartakusbund», einer Vereinigung von marxistischen Sozialisten. Er wird für drei Jahre inhaftiert, als sein Vater ihn verrät. Wieder in Freiheit, zieht er nach Berlin, heiratet 1926 seine erste Frau und lernt über sie die Künstlerin Käthe Kollwitz kennen, die ihn fördert.

Der Künstler Clément Moreau im Jahr 1977. (Bild: Sozialarchiv Zürich)

Der Künstler Clément Moreau im Jahr 1977. (Bild: Sozialarchiv Zürich)

Ein Leben im Widerstand und auf der Flucht

1933 flüchtet der erklärte Hitlergegner Meffert von Berlin in die Schweiz. Dort lebt er illegal als politischer Immigrant. Bald begegnet er der St. Gallerin Nelly Guggenbühl. Sie ist Antifaschistin und bietet emigrierten Kunstschaffenden in Zürich eine Anlaufstelle. Meffert legt sich den Namen Clément Moreau zu. Er heiratet Nelly und geht mit ihr 1935 nach Argentinien ins Exil, wo er arbeitet und sich in antiperonistischen Organisationen engagiert. 1961 flieht der Künstler ein letztes Mal, nun vor dem argentinischen Militär. Er kehrt zurück in die Schweiz, lebt in Zürich und St. Gallen und erfährt dort, als über 70-Jähriger, allmählich öffentliche Anerkennung.

Die Schau «Nacht über Deutschland» im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen präsentiert Arbeiten Mefferts von 1928 bis 1938. Den Auftakt machen zwei im Jahr 1928 entstandene Linolschnitt-Zyklen. Diese zeigt Kuratorin Monika Mähr quasi als Einstieg in die Ausstellung: «Die erwerbslose Jugend» ist eine sechsteilige Serie und dreht sich um einen arbeitslosen Jungen, der ungewollt kriminell wird und im Zuchthaus endet. Die «Fürsorgeerziehung» beschreibt in 20 Blättern und stark autobiografisch geprägt das Leben eines Kindes vom Heimzögling bis hin zum Hitlerjungen. Die Vita des Künstlers vermischt sich hier mit Ereignissen seines nahen Umfelds. Und der Betrachter bekommt Eindrücke vom beklemmenden Kinder- und Jugendalltag in ­Nazi-Deutschland.

Es tut not, zu handeln

In Argentinien entsteht zehn Jahre später «Nacht über Deutschland». Der Zyklus ist Herzstück und Namensgeber dieser Schau. 84 der insgesamt 107 Drucke sind in Szene gesetzt. Manches sind Kopien, da die Originale aus empfindlichem Japanpapier nicht verfügbar sind. Doch der Eindrücklichkeit des Gezeigten tut das keinen Abbruch.

Erneut verarbeitet Meffert persönliche Erlebnisse und hält sie wie in einem Bildertagebuch fest. Was er zeigt, ist erschreckend. Dank schwarz-weisser Farbgebung und comicartiger Bildausschnitte halten die Motive ihre Betrachter aber auf Distanz. Das erleichtert es, die Szenen zu ertragen: Menschen, die angstvoll dem Radio lauschen. Ein erschütterter Vater, der dem Hitlergruss des Sohnes nur noch mit der Faust zu begegnen weiss. Marschierende Horden in den Strassen. In einer Gegenwart, in der flüchtende Menschen und Ausschreitungen in Chemnitz Realität sind, macht diese Ausstellung schonungslos klar, dass die Welt noch immer mit alten Dämonen ringt. Es tut not, zu handeln, damit der Satz: «Die Geschichte lehrt uns, dass sie uns nichts lehrt», endlich ungültig wird. «Nacht über Deutschland» leistet einen Beitrag dazu.

Bis 24.3.2019, Di–So 10–17 Uhr.

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