Schwindel erregendes Schlachtfeld im Bündner Kunstmuseum

Fabelwesen, aufgerichtete Penisse, blutrote Sonne: Das Bündner Kunstmuseum zeigt erstmals seit 1987 wieder das Panorama «Die Umgebung der Liebe» von Martin Disler. Der Schweizer Maler steht für eine Künstlergeneration, die sich total an ihr Werk verschwendet hat. Hat sich diese Generation überlebt?

Mathias Balzer
Drucken
Teilen

Das Bild ist 140 Meter lang und viereinhalb Meter hoch. Grelle Fabelwesen, erigierte Penisse, ein gekentertes Boot, ein schwarzes Kriegsschiff, die blutrote Sonne und das Blut aus dem Körper eines Geköpften: Martin Disler zeichnet die «Umgebung der Liebe» als Schwindel erregendes Schlachtfeld. Der Schweizer Künstler hat das Panorama 1981 in Stuttgart gemalt. In vier Nächten, jede Nacht 35 Meter. «Es ist eine Form, sich in totale Gefahr zu begeben», sagte der Künstler in einem Interview. Das Entscheidende in seinem Schaffen sei, jedes Mal neu anzufangen.

«Martin ist ja auch jung gestorben»

Disler war Autodidakt. In den 1980ern wurde er zu einem Star der Schweizer Kunstszene, lebte und arbeitete bis zu seinem frühen Tod 1996 in Zürich, Paris, Samedan, New York und im Jura. Er war einer jener Künstler, die sich an ihr Werk total verschwendet haben. Ein später Romantiker, bei dem Leben und Arbeit verschmelzen.

Auf diesem Weg begleitet hat ihn seine Frau Irene Grundel. Sie war als Einzige in den vier Nächten in Stuttgart dabei. Die holländische Künstlerin lebt heute in Dänemark und in der Schweiz und verwaltet Dislers Nachlass. Sie sagt: «Es ging immer darum, an die eigene Grenze zu gehen – oder darüber hinaus. Das ist auch gefährlich. Martin ist ja auch jung gestorben. Aber er hat in den 47 Jahren so gelebt wie andere in 150.» Sich selbst zu überfordern, gehörte zur Arbeitsweise Dislers.

Disler galt als ein Vertreter der «Neuen Wilden»

Disler selbst liess sich nicht gerne kategorisieren. Der Kunstmarkt sah in ihm einen Vertreter der «Neuen Wilden». Künstler wie A. R. Penck, Siegfried Anzinger oder Martin Kippenberger reagierten mit ihrer subjektiven und rauschhaften Malerei auf die streng konzeptuelle Kunst der 1970er-Jahre. Sie zelebrierten die Befreiung von der Vorherrschaft des Intellekts und bürgerlichen Normen. Exzessiv war nicht nur ihre Arbeits-, sondern auch ihre Lebensweise. Rückblickend erscheinen sie als letzte Ausläufer der Bohème. Ein Künstlertypus, der bald darauf verschwinden sollte. Was ist seither passiert?

Martin Disler

Martin Disler ist am 1. März 1949 im solothurnischen Seewen geboren worden. Er starb am 27. August 1996 in Genf. Dem Maler, Bildhauer und Schriftsteller gelang 1980 mit einer grossen Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel der internationale Durchbruch. 1981 realisierte er im Württembergischen Kunstverein Stuttgart sein monumentales Panorama «Die Umgebung der Liebe». Dort wurde es 1987 auch nochmals gezeigt. 2007 hat die Gottfried-Keller-Stiftung das Panorama erworben. Jetzt wird es im Erweiterungsbau des Bündner Kunstmuseums erneut präsentiert. (bal)

Irene Grundel sagt: «Damals herrschte ein Gefühl vor, dass man sich seine Freiheit erobern kann. Im Vergleich dazu sehe ich heute vor allem viel Angst. Die ganze Sicht auf die Kunst hat sich verändert. Heute gibt es Kunsthochschulen wie Sand am Meer. Die Künstler sind alle akademisch gebildet, müssen schon im Vornherein definieren können, was sie machen, brauchen einen Lebenslauf, der zur Karriere passt. Bei Martin kam das alles aus einer ganz anderen Intuition. Er hat sich selbst als Medium gefühlt, wenn er malte.»

Dislers Witwe spricht eine Entwicklung an, die 1989 mit dem Mauerfall eingesetzt hat. Auf die wilden Achtzigerjahre folgte das Jahrzehnt der Ich-AG. Gerade Künstler und Exponenten der Kreativbranche waren Pioniere darin, als Einzelfirma den Spagat zwischen Kunst und Kommerz zu üben. Die passende Haltung dazu war die Ironie. Gleichzeitig hat sich die Kunstwelt in einem Mass professionalisiert, wie es vor 40 Jahren kaum vorstellbar war. Ein Format wie die Zürcher Hochschule der Künste mit 2200 Studierenden wäre im bewegten Zürich der Achtzigerjahre wohl als systemfreundliche Kreativfabrik mit Pflastersteinen beworfen worden.

«Das Bild des exzessiven Genies, ist ein sehr männliches Bild»

Die in Basel lebende Künstlerin Muda Mathis hat diese Entwicklung miterlebt. Ihre Frauenband Les Reines Prochaines hat den Geist des Punks in die Gegenwart gerettet. Als Performerin und Künstlerin kennt sie Markt und Szene. Als jahrelange Dozentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel weiss sie, wie junge Kunstschaffende heute arbeiten. «Das Einhergehen von Leben und Kunst wird von den Jungen immer noch gesucht. Aber es sind andere Zeiten, vor allem wirtschaftlich», sagt die 60-Jährige. «Wir konnten noch drauflosmachen, und wenn weniger als 300 Franken auf dem Konto waren, ging man einfach arbeiten. Arbeit und billige Wohnungen gab es genug.»

Angesprochen auf Disler und die «Neuen Wilden» sagt Mathis: «Dieses Bild des exzessiven Genies, das sich mit seiner Kunst verbrennt, ist ein sehr männliches Bild.» Die Frauen könnten sich solche Gesten gar nicht leisten, sagt sie. «Dieses unkontrolliert Exzessive ist im Moment nicht mehr so gefragt. Auch wegen der Genderdebatten. So naiv einfach loszuspritzen, ist wohl auch nicht mehr so erotisch.»

Aber auch wenn das Selbstverständnis der Kunstschaffenden sich gewandelt hat, sieht Mathis die Entwicklung kritisch: Durch die Professionalisierung gehe vieles verloren, so gut diese auch sei: «Wir bezahlen dafür einen hohen Preis. Die Arbeitsprozesse werden zwar schlank und effizient, aber es gibt weniger Raum für überraschende Wendungen und Spontanes. Das ist für die Kunst nicht nur gut.»

Mit Patrick Frey befreundet

Einer, der dem heiligen Ernst und der exzessiven Geste in der Kunst schon als junger Kunstkritiker skeptisch gegenüberstand, ist der heutige Verleger, Autor und Kabarettist Patrick Frey. Trotzdem war er mit dem «heilig ernsten» Disler eng befreundet. Im Katalog zur Ausstellung in Chur schreibt er: «Ich schätzte damals in der Kunst das Leichte, die Ironie und den Humor, die Pop-Attitüde und misstraute jedem Pathos. Aber bei Disler akzeptierte ich das alles, was ich sonst ablehnte.»

Noch heute würde ihn Misstrauen befallen, wenn Künstler mit ähnlichen Pathosformeln auftreten würden. Frey schrieb in seiner Kritik zur ersten grossen Einzelausstellung von Disler 1980: «Ich wage nicht, an eine Disler-Schule zu denken.»

Das ist eine weitere Antwort auf die Frage, wieso dieser Künstler-Typus rar geworden ist: «Live fast, die young» ist kein Konzept für den Bachelor an einer Kunsthochschule. Aber wer weiss? Kunstströmungen sind Wellenbewegungen. Das romantische Ideal des Genies hat grosse Strahlkraft. Vielleicht kehrt es ja bald wieder. Dann sicher nicht nur in männlicher Form.

Bündner Kunstmuseum, bis 26.5.