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Luzerner Theater: Die Zuschauer gehören mit zum Care-Team

Intendant Benedikt von Peter startet als Regisseur mit einem «zukunftsgerichteten Musiktheater-Projekt» in die Saison. In der szenischen Installation von Gustav Mahlers «Kindertotenlieder» in der Box tut er es mit viel Respekt vor der Vorlage.
Urs Mattenberger
Schaffte mit ihrem Sängerpartner Jason Cox eine Stunde lang hautnah für Hochspannung in der Box: Sarah Alexandra Hudarew. (Bild: Ingo Höhn / LT)

Schaffte mit ihrem Sängerpartner Jason Cox eine Stunde lang hautnah für Hochspannung in der Box: Sarah Alexandra Hudarew. (Bild: Ingo Höhn / LT)

Eltern werden den Moment nicht vergessen, der nach einer lebensgefährlichen Operation das bange Warten unterbricht. Die Tür geht auf, eine Frau kommt mit einem freundlich-fürsorglichen Lächeln ins Zimmer, das alles bedeuten kann. Und wenn man auf dem Brustschild liest: «Care- Team», schiesst einem unweigerlich der Gedanke durch den Kopf: Das Kind ist tot!

An diese Dramatik knüpfte am Samstag der Auftakt zu den «Kindertotenliedern» von Gustav Mahler in der Box des Luzerner Theaters an. «Achtung, ­Lebensgefahr!», plärrte da ein ­lebendiges Kuscheltier (Fionn Berchtold) ins Megafon und bat die Zuschauer, beim Eingang zu warten und sich persönlich zum Sitzplatz führen zu lassen. Dabei wurde einem als Besucher fürsorglich eine Hand auf die Schulter gelegt, wie man es eben von Care-Teams kennt.

Zum Trösten und Streicheln nah

Damit ist man mittendrin im Raumtheater, das Benedikt von Peter aus Mahlers Liederzyklus macht. Das Publikum sitzt mittendrin im imaginären Geschehen, die Stühle sind so im Raum verteilt, dass sich Gassen für die beiden Sänger und die Musiker des Luzerner Sinfonieorchesters bilden. Sie alle wandern während der einstündigen Aufführung umher, und ihre Wege kreuzen sich wie beim Hin und Her in der U-Bahn-Station in der Slapstickoper «Im Amt für Todesangelegenheiten». Diese hatte am Freitag Premiere und bildet mit den «Kindertotenliedern» ein Koproduktions-Tandem mit Lucerne Festival.

In der Box allerdings verändern die Bewegungen im Raum den Raum selber. Wenn die Musiker zwischen den Liedern schleichend die Position wechseln, ergibt sich jedes Mal ein völlig anderes Klangbild, wobei ein echofernes Horn, die körperlich nahe Flöte oder das aufgefächerte Streichquintett immer neue Perspektiven eröffnen. Einmal legen sich die Musiker so nah neben die Zuschauerstühle, dass man sie trösten könnte. Die Sängerin – mit profundem Trauer-Alt: Sarah Alexandra Hudarew – quetscht sich, entkräftet und mit schmerzverzerrtem Gesicht, auch mal neben einer Zuschauerin auf einen Stuhl. Der Sänger – mit hochgespanntem Bariton: Jason Cox – sucht einen Fluchtweg nach aussen, indem er sich ein Podest bastelt, das polternd zusammenkracht. Es ist der einzige Knall in einer Klanginstallation, die die klassische Bühnensituation so gründlich durcheinanderbringt, dass plötzlich wir, die Zuschauer, das Care Team sind.

Dies- und jenseits mischen sich die Realitäten

Die Gefahr, dass Mahlers Kindertotenlieder mit Betroffenheits-Kitsch angereichert werden, ist zwar nicht immer gebannt. Aber die Produktion weicht ihr aus mit der Tonspur des Sound-Künstlers Matthew Herbert. Dazu gehören nüchterne Alltagsgeräusche, die vom Zähneputzen bis zur Autofahrt in die Schule einen Tages­ablauf nachzeichnen. Da gibt es nichts, das auf einen Kindstod hinweist, von dem die Lieder nach Texten von Friedrich Rückert handeln. Und so mag man, wie in der Slapstick-Oper, das Element einer äusserlichen Spannungsdramaturgie vermissen.

Angedeutet wird eine solche in Herberts Sound-Grundierungen zwischen den Liedern. Deren elektronische Klangschalen-Mystik wird subtil angereichert und schafft doch die Möglichkeit für einen dramatischen Bruch hin zum letzten Lied, aber Bezüge zu Mahlers Musik. Noch weiter führte das bei der Premiere, als sich – ein Überraschungscoup zum Schluss – die Wand der Box zur Reuss hin öffnete. Als die Tonspur verlöschte und vom andern Ufer Alphörner herüberklangen, mischten sich dies- und jenseits magisch die Realitäten.

Das Herzstück bleibt unangetastet

Das alles geschieht so diskret, dass die Lieder unangetastet das Herzstück der Klanginstallation bleiben. Sie überzeugt denn auch vor allem als Versuch, für diesen Zyklus einen eigenständigen Rahmen zu schaffen. Die Idee, der Sprachlosigkeit mehr Raum zu geben, wird weniger durch die Dauerpräsenz der Sänger eingelöst. Privat hingegen wirken die Lieder durch die Individualisierung, die sich aus den musikalischen Auffächerungen und Verbindungen ergibt. So erlebt man nicht nur die Sänger, sondern auch die Solisten des Luzerner Sinfonieorchesters unter der Leitung von Christoph Heil als Menschen aus Fleisch und Blut.

Eine wichtige Ergänzung zu diesem «zukunftsgerichteten Projekt» ist die Reihe Impro-Box, die Möglichkeiten der Verbindung von elektronischer und akustischer Musik auslotet. In dieser Hinsicht bleiben die «Kinder­totenlieder» wohl aus Respekt vor Mahlers Zyklus hinter dem eigenen Innovationsanspruch zurück.

10 Vorstellungen bis 5. Oktober. Reihe Impro-Box mit Luzerner Musikern und Alumni der Lucerne Festival Academy: 14., 16., 21., 22., 27. und 28. September. www.luzernertheater.ch

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