DIRIGENT: Claudio Abbado: «Ich suche bis heute jene Magie»

Claudio Abbado wird heute 80: Ein Gespräch über das Alter, seinen Grossvater und die Magie, die er exemplarisch mit dem Lucerne Festival Orchestra erreicht.

Interview Julia Spinola
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Antiautoritäres Charisma unter Freunden: Claudio Abbado bei einer der alljährlichen Proben im KKL mit seinem Lucerne Festival Orchestra. (Bild: Lucerne Festival / Peter Fischli)

Antiautoritäres Charisma unter Freunden: Claudio Abbado bei einer der alljährlichen Proben im KKL mit seinem Lucerne Festival Orchestra. (Bild: Lucerne Festival / Peter Fischli)

Claudio Abbado, Dirigenten werden häufig sehr alt. Sie feiern jetzt Ihren 80. Geburtstag und arbeiten immer noch viel. Was ist Musik für Sie?
Claudio Abbado:
Musik hat für mich nichts mit Arbeit zu tun. Sie ist eine grosse, tiefe Leidenschaft. Ich habe das Glück, diese Leidenschaft mit fabelhaften Musikern teilen zu dürfen, auf der ganzen Welt. Das meine ich jetzt wirklich existenziell: Die Menschen sind wichtig, das gemeinsame Musikmachen, daraus schöpfe ich Kraft.

Wann haben Sie diese Kraft zum ersten Mal gespürt?
Abbado:
Es gab ein Schlüsselerlebnis in meiner Kindheit. Ich sass als Siebenjähriger in der Mailänder Scala und hörte zum ersten Mal die «Nocturnes» von Debussy. In der zweiten Nocturne, «Fêtes», gibt es diese Stelle, an der aus der Ferne plötzlich die drei Trompeten erklingen. Dieser Moment hat mich sofort verzaubert. Von da an wusste ich: Das möchte ich einmal machen! Ich habe ja Klavier gespielt, dann Komposition studiert
und Dirigieren natürlich. Aber immer war das die Idee, die mich beflügelt hat. Im Grunde suche ich bis heute nach dieser Magie. Manchmal finde ich sie, dann bin ich glücklich, manchmal nicht. Sie sind in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen.

Hatten Sie je die Chance, nicht Musiker zu werden?
Abbado
: Ja, natürlich! Und zwar weil die Musik für mich nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine ethische, eine menschliche, eine gesellschaftliche Bedeutung hatte. Meine Mutter war nicht nur Pianistin, sondern auch Schriftstellerin. Und die allerwichtigste Figur in meiner Kindheit war mein Grossvater. Er lehrte an der Universität Palermo Altertumswissenschaft und war ein fantastischer Mensch. Zum Beispiel hat er das Evangelium aus dem Aramäischen übersetzt und auch die Stelle nicht verschwiegen, an der von Christi Brüdern die Rede ist. Darauf hat ihn die Kirche exkommuniziert. Ich erinnere mich an lange Bergspaziergänge
mit ihm, bei denen ich unglaublich viel lernte – fürs Leben, wie es so schön heisst.

Wie lernt man etwas fürs Leben?
Abbado:
Durch die Haltung, die einem gezeigt wird, auch wenn man als Kind vieles gar nicht versteht. Mir sind die Schönheit und die Tiefe der Gedanken, die mein Grossvater hatte, erst viel später aufgegangen. Zum Beispiel sagte er oft: «Grosszügigkeit macht reich.»

Aber gilt das auch für die Kunst? Kann ein Dirigent grosszügig sein und doch genau wissen, was er will?
Abbado:
Was ist Wille? Die Magie eines lebendigen musikalischen Augenblicks lässt sich nicht durch dirigentische Kommandos erzwingen. Sie ereignet sich, oder sie ereignet sich eben nicht. Dafür muss der Dirigent mit dem Orchester zunächst eine Atmosphäre der Offenheit schaffen, ein wechselseitiges Vertrauen. Und man muss lernen, einander zuzuhören. Im Leben wie in der Musik. Eine Fähigkeit, die immer mehr verschwindet.

Kann die Musik uns zeigen, wie wir einander besser hören?
Abbado:
Die Musik zeigt uns, dass Hören grundsätzlich wichtiger ist als Sagen. Das gilt für das Publikum wie für die Musiker. Man muss sehr genau in die Musik hineinlauschen, um zu verstehen, wie sie zu
spielen ist. Das klingt nach einem Klischee, aber ich versuche immer, eine Partitur so zu studieren wie beim ersten Mal. Alles andere wäre zu einfach – und auch langweilig. Ausserdem gehe ich die Partituren auf meinen Wanderungen in der Natur immer wieder durch.

Sprechen Sie bei Proben wenig, weil das Hören wichtiger als das Sagen ist?
Abbado:
Es stimmt, dass ich bei den Proben eher wortkarg bin. Natürlich versuche ich, einzelne Passagen so in Ordnung zu bekommen, wie ich es aus der Partitur gelernt habe. Ich lasse auch oft die Gruppen einzeln spielen, damit die andern hören, was zum Beispiel die Holzbläser an dieser Stelle spielen. Aber dann
kommt der grosse Bogen, der Fluss des Ganzen – und das ist das Wichtigste.

Wie entsteht dieser Fluss?
Abbado:
Aus dem Mut heraus, nichts zu wollen. Wenn ich ein Werk erarbeite, bin ich immer ganz verliebt darin. Vielleicht überträgt sich diese Emphase, diese Intimität auf das Orchester, und nach einer
Weile verlieben die sich auch. Irgend so etwas muss es sein.

Sie haben zahlreiche Jugendorchester und vor zehn Jahren das aus Freunden gebildete Lucerne Festival Orchestra gegründet. Misstrauen Sie dem institutionellen Musikbetrieb?
Abbado:
So würde ich das nicht formulieren. Die Arbeit mit jüngeren Menschen hat mich schon immer interessiert. Die haben sehr oft eine andere Einstellung, sie sind noch ganz frei für die Musik. Im Übrigen gibt es kein «Jugendorchester» auf der einen Seite und kein «Eliteorchester» auf der anderen. Wir sind vielmehr
eine grosse Familie, in der man sich gegenseitig aushilft.

Ist die Arbeit mit dem Nachwuchs heute das, was früher für Sie die politische Arbeit war, als Sie mit dem Komponisten Luigi Nono und dem Pianisten Maurizio Pollini in Fabriken auftraten?
Abbado:
Die menschlichen Sachen sind am Ende die wichtigsten. Aber wir waren damals nicht «nur» politisch, wir wollten auch etwas für die Verbreitung der Neuen Musik tun. Man sollte die alten Sachen
also nicht verklären. Und das Schöne ist ja, dass alles weitergeht. Das Orchestra Mozart macht in Bologna jetzt ein Musiktherapieprojekt, «Tamino», wobei die Musiker ehrenamtlich in Kindergärten oder Behinderteneinrichtungen gehen. In einem anderen Projekt, «Papageno», spielen wir in Gefängnissen.

Und welche Resonanz haben Sie da?
Abbado:
Monate nach einem solchen Konzert haben Häftlinge mir ein Geschenk gemacht: ein Schiff, nur aus Streichhölzern gebaut – aber unglaublich perfekt. Was für ein wunderbares Geschenk! Jetzt haben sie im Gefängnis sogar einen Chor gegründet. Das zeigt doch, dass die Musik etwas verändert hat für diese Menschen in ihrer schrecklichen Situation.

Wenn Sie heute 20 wären, gäbe es für Sie Dringlicheres als die Musik?
Abbado:
In meinem Leben gibt es viele sehr wichtige Dinge: die Beziehungen zu meinen Kindern, Enkelkindern und Freunden. Zum Wichtigen zählt die Musik, aber ich habe auch eine grosse Liebe
zur Literatur, zur Malerei, zu allen Künsten. Ohne sie könnte ich nicht leben.

Was denken Sie über das Alter? Ist der 80. Geburtstag für Sie ein Anlass, Ihr Leben zu ändern?
Abbado:
Ach wissen Sie, innerhalb von drei Jahren sind meine beiden Geschwister gestorben, erst mein jüngerer Bruder und vergangenen Winter meine Schwester. Ich glaube, ich muss ein bisschen aufpassen ...

Krönung in Luzern

Claudio Abbado, geboren am 26. Juni 1933 in Mailand, ist ein Star ohne Allüren. Er bekleidete Spitzenpositionen des Musikbetriebs – Scala, Wiener Staatsoper, Berliner Philharmoniker
– und gab mit der Gründung von Jugendorchestern frische Impulse. Eines wurde zum Stamm des Lucerne Festival Orchestra, in dem Abbado, inzwischen vom Krebs genesen, seit zehn Jahren Solisten
und Freunde zusammenbringt und das mit der Magie einer «orchestralen Kammermusik» weltweit
Massstäbe setzt. Die Konzerte in diesem Sommer sind ausverkauft (www.lucernefestival.ch).