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DIRIGENT: «Ein Überlebensabenteuer im Berg»

Der aufstrebende Luzerner Dirigent Andreas Felber (32) leitet zwei Projekte, die von der Albert Koechlin Stiftung gefördert werden: ein Gespräch über deren Thema Sehnsucht, auch mit Bezug auf persönliche berufliche Träume.
Interview Urs Mattenberger
Aufstrebender Dirigent: Andreas Felber (32) hat zunehmend Engagements auch ausserhalb der Region. (Bild Pius Amrein)

Aufstrebender Dirigent: Andreas Felber (32) hat zunehmend Engagements auch ausserhalb der Region. (Bild Pius Amrein)

interview Urs Mattenberger

Andreas Felber, Sie dirigieren die Camerata Musica Luzern und Ihren Chor Molto Cantabile im Rahmen des Sehnsuchtsprojekts der Albert Koechlin Stiftung. Was bewirkt deren Förderung finanziell und inhaltlich?

Andreas Felber: In beiden Fällen ermöglicht sie Projekte, die weit über das Normalmass hinausgehen. Bei der Camerata Musica Luzern, die in der Regel als Begleitorchester engagiert wird, ist es ein erstes orchestereigenes Projekt. Bei einem professionellen, nicht subventionierten Orchester ist das nur mit einer solchen Unterstützung möglich. Im Fall von Molto Cantabile ermöglicht der Beitrag, das Konzert in der Zivilschutzanlage Sonnenberg durchzuführen. Weil hier pro Aufführung nur 25 Leute zugelassen sind, kann man das unmöglich über Ticketeinnahmen finanzieren.

Sehnsucht steht für eine Spannung zwischen Mangelerfahrungen und Utopien, die sie beheben sollen. Wie greift man ein solches Thema auf, ohne in Klischees zu verfallen?

Felber: Natürlich wartet man nicht, bis ein solches Thema vorgegeben wird, um dazu dann ein Projekt zu erfinden. Man trägt ja sowieso immer viele Projektideen mit sich herum. Ein Ausgangspunkt war im Fall von Molto Cantabile, dass ich schon länger ein Konzert mit Elektronik machen wollte. Das Sehnsuchtsthema war ein Anstoss, das in diese Richtung zu entwickeln. Die Zivilschutzanlage Sonnenberg als Aufführungsort erwies sich als ideal für den Einbezug der Elektronik wie für den Bezug zum Thema.

Wie sind Sie denn auf die Zivilschutzanlage Sonnenberg gekommen?

Felber: Als diese 2006 zurückgebaut wurde, nahm ich hier als Assistent an einem Konzert der Luzerner Singknaben teil. Ich fand die Räume schon damals super spannend und realisierte jetzt, dass das perfekt zum Thema Sehnsucht passt: als Ort, der im Fall höchster Gefahr Sicherheit versprechen sollte. Diese Spannung zwischen Angst und Hoffnung strahlt die Anlage in vielerlei Hinsicht aus.

Inwiefern?

Felber: Die Räume der Kaverne, in der sich Kommandozentrale, Krankenhaus und Arrestzellen befinden, sind unglaublich eng, obwohl die Anlage als Ganzes in den beiden Autobahntunneln einst 20 000 Menschen Zuflucht geboten hätte. Wenn man die Anlage beim Sälihalde-Spielplatz betritt, gerät man über die zahlreichen Gänge und Treppen in ein regelrechtes Labyrinth. Und wenn man die sieben Geschosse in den dunklen Berg hinuntersteigt und sich zuunterst ein Fenster zum lärmigen Autobahntunnel öffnet, ist das absolut irreal und absurd.

Das Molto-Cantabile-Projekt nennt sich denn auch «Überleben». Wie hält es dieser absurden Welt eine ersehnte Utopie entgegen?

Felber: Wir bieten in diesen Räumen nicht ein klassisches Konzert, sondern eine installative Performance. Deren Dramaturgie ist darauf angelegt, das Gefühl der Bedrohung, das die Sicherheitsanlage paradoxerweise vermittelt, zu verstärken und schliesslich aufzulösen. Für Leute mit Platzangst ist dieser Rundgang nicht geeignet – ein Chormitglied nimmt aus diesem Grund nicht teil, zudem wird darum jede Aufführung begleitet.

Welchen Spielraum gibt es in der Enge für eine Dramaturgie der Befreiung?

Felber: Da spielt die Musik eine wesentliche Rolle. Grundlage dafür sind der Eingangschor und der Schlusschoral von Bachs Kantate «Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir». Der Chor improvisiert über Motive von Bachs Musik, der seinerseits in den Chorälen einen schlichten Chorsatz harmonisch so weit wie damals möglich ausweitete. Der Audiodesigner Tomek Kolczynski führt das weiter, indem er all seine elektronischen Sounds, mit denen er die Anlage bespielt, aus den Aufnahmen des Chors generiert. Das gipfelt dann auf dem dramatischen Höhepunkt, buchstäblich auf dem Tiefpunkt des Rundgangs, in harten Grooves, die fast wie Rammstein klingen. Aber dann folgt zum Schluss, wieder mit Bach, die Wende hin zur Erlösung als zentraler Sehnsucht.

Ihre Erfolge mit Molto Cantabile haben den Grundstein für eine viel versprechende Karriere als Dirigent gelegt. Inzwischen haben Sie die Leitung des Kammerchors Luzern abgegeben, dafür dirigieren Sie unter anderem in Zürich die professionelle Singakademie. Hängt das mit persönlichen beruflichen Sehnsüchten zusammen?

Felber: (Lacht.) Ja, das ist tatsächlich so. Ich durfte in der Region früh bereits viele interessante Aufgaben übernehmen. Irgendwann kam der Punkt, bei dem ich mich entscheiden musste, ob ich einen Schritt weitergehen wollte. Dafür musste ich meine Engagements hier so reduzieren und bündeln, dass ich mehr Zeit für Auslandaufenthalte habe. Bei Molto Cantabile ist das möglich, weil mich Benjamin Rapp als zweiter Dirigent vertritt, wenn ich abwesend bin. Ähnliches gilt für mein Engagement bei der Operette Sursee. Das Vokalensemble Pro Musica Viva auf der Landschaft kann ich weiterführen, weil es als Projektensemble kurze Probenphasen hat.

Und welche Möglichkeiten haben sich ausserhalb der Region eröffnet?

Felber: Dazu gehört das Engagement als ständiger Gastdirigent bei der Zürcher Singakademie, die ich in der nächsten Saison interimistisch leite. Ganz wichtig war für mich auch eine Meisterklasse beim Rundfunkchor Berlin. Dessen Chefdirigent Simon Halsey, der eng mit Simon Rattle zusammenarbeitete und jetzt wie dieser nach London geht, hat mir Auftritte, Kontakte und Möglichkeiten eröffnet, die sich für die Zukunft abzeichnen. Ein wichtiges Projekt ist für mich zudem der Chor, den ich im Rahmen des Davoser Young-Artists-Festivals gründen durfte. Da wird ein Kern von 13 professionellen Sängern je nach Projekt zu einem grösseren Chor erweitert, der mit offenem Singen das Publikum aktiv und nah ins Festival hineinholt.

Auf eine Formel gebracht: Welches ist also Ihre Sehnsucht als Dirigent?

Felber: Natürlich wäre eine Festanstellung als Chefdirigent bei einem Berufschor ein Traum – plus die Möglichkeit, mit verschiedenen Chören vereinzelt Projekte wie jetzt dieses Überlebensabenteuer im Berg zu machen.

Starke musikalische Sehnsüchte

KonzerteMolto Cantabile eröffnet mit «überleben» eine erste Serie von musikalischen Beiträgen zum Projekt Sehnsucht. Premiere ist am Freitag, 22. April, in der Zivilschutzanlage Sonnenberg (Eingang Sälihalde-Spielplatz, gegenüber Berglistrasse 33, Luzern). Aufführungen bis 30. April, Daten und Vorverkauf: www.moltocantabile.ch, Telefon 076 214 40 04.

Aussergewöhnlich ist auch der Beitrag des Stadtorchesters Luzern unter der Leitung von Dan Covaci-Babst. Am Sonntag, 1. Mai, 11 und 15 Uhr, thematisiert es im Busdepot Heggli AG, Sternmatt, Kriens, Sehnsüchte im Zusammenhang mit Heimat und Migration (Sopran: Madelaine Wibom). Zwischen Werken von Sibelius, Bartók und Smetana liest der aus Rumänien emigrierte Schriftsteller Catalin Dorian Florescu eigene Texte (VV: admin@stadtorchester-luzern.ch, Tel. 041 534 88 30.

Die Camerata Luzern spiegelt die in der Romantik zentrale, unerfüllte Sehnsucht in zeitgenössischen Kommentaren zu Musik von Gustav Mahler und Richard Strauss – darunter die Uraufführung von Felix Schüeli zu den «Hymnen an die Nacht» von Novalis. Unter der Leitung von Andreas Felber wirken als namhafte Solisten Jutta Maria Böhnert und Mauro Peter mit (Sa, 7. Mai, 19.30; So, 8. Mai, 17 Uhr, Kirchensaal Maihof, Luzern; VV: info@notencafe.ch, Tel. 041 240 84 40).

Hinweis: Alle Veranstaltungen des Kulturprojekts Sehnsucht: www.sehnsucht16.ch

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