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DIRIGENT: Sein Weg zu Mahler begann in Luzern

Mahler-Sinfonien als Prüfstein: Jonathan Nott verabschiedet sich mit seiner Gesamteinspielung von Bamberg – darunter die «Sinfonie der Tausend». Mit dieser eröffnet Riccardo Chailly den Lucerne-Festival-Sommer.
Fritz Schaub
Sorgte am Lucerne Festival zuletzt für Furore mit Wagners «Ring» und Verdis «Falstaff»: Jonathan Nott dirigiert die Bamberger Symphoniker im KKL-Konzertsaal. (Bild Stefan Deuber/Lucerne Festival)

Sorgte am Lucerne Festival zuletzt für Furore mit Wagners «Ring» und Verdis «Falstaff»: Jonathan Nott dirigiert die Bamberger Symphoniker im KKL-Konzertsaal. (Bild Stefan Deuber/Lucerne Festival)

Fritz Schaub

Wenn Riccardo Chailly am 12. August erstmals das Lucerne Festival Orchestra in Gustav Mahlers achter Sinfonie dirigiert, ist das ein mehrfacher Prüfstein. Zum einen ist es eine Reverenz an den verstorbenen Gründer des Orchesters, Claudio Abbado, der in seinem weltweit gefeierten Zyklus aller Mahler-Sinfonien dieses eine Werk ausgelassen hatte. Zum andern gleicht jede Wiedergabe einer Mahler-Sinfonie der Quadratur eines Kreises. Auf der einen Seite fordert man von ihr grossen Ausdruck, Dramatik, Kampf, auf der andern Seite sollte sie möglichst klar und durchsichtig sein in ihrer kompositorischen Struktur.

Es gibt Dirigenten, welche gemessene Tempi bevorzugen und vor allem die Expressivität von Mahlers Klangsprache betonen. Zu ihnen gehören Wilhelm Mengelberg, der Mahler-Dirigent der allerersten Stunde, später Kubelik und Barenboim, vor allem aber Leonard Bernstein. Sie konnten und können sich auf die Tradition berufen, denn Mahler kommt geradewegs aus der Romantik.

Dirigenten späterer Generationen huldigten einer Neuen Sachlichkeit, betonten mehr das Zukunftweisende bei Mahler und setzten die musikalische Struktur ins Zentrum. Zu ihnen gehören Pierre Boulez, aber auch Haitink und Gielen, Esa-Pekka Salonen sowie die Engländer Daniel Harding und Simon Rattle, während Lorin Maazel bei Mahler der Orchestervirtuosität frönte.

Notts logischer Weg zu Mahler

In der Realität sind die Grenzen freilich fliessend. Die Expressivität kann eben auch ganz aus der musikalischen Struktur entstehen, und diese kann sich sehr wohl mit gezügelten Zeitmassen und einem expressiven Temperament verbinden. Dies ist bei Riccardo Chailly und Jansons der Fall und war es auch bei Abbados Mahler-Aufführungen mit dem Lucerne Festival Orchestra.

Ein vorzügliches Beispiel für eine moderne Synthese bietet die jetzt als Box erschienene Gesamtaufnahme der Mahler-Sinfonien der Bamberger Symphoniker unter Jonathan Nott, wobei der Engländer fraglos zur zweiten Kategorie gehört. Jonathan Nott ist in Luzern unvergesslich als jener Dirigent, der den Aufschwung des Luzerner Sinfonie­orchesters im KKL einleitete, an den der heutige Chefdirigent James Gaffigan anknüpfen konnte. Erstaunlich, was Nott mit den damals noch reduzierten Mitteln erreichte, wie er das Publikum geschickt an die Musik des 20. Jahrhunderts heranführte und dank improvisierten Verstärkungen auch gross besetzte Werke wie Mahlers «Auferstehungssinfonie» aufführte.

Schon in Luzern zeigte sich Nott damit als «moderner» Dirigent, der klassische und romantische Werke aus dem Blickwinkel der modernen Musik dirigierte und ihnen neue Aspekte abgewann. Davon legen gerade die neun Mahler-Sinfonien Zeugnis ab, die er zwischen 2005 und 2011 in der Konzerthalle Bamberg für das Label Tudor aufnahm.

Bamberg – eine Mahler-Stadt?

In Bamberg hatte der noch immer in Luzern wohnhafte Engländer 2000 die Bamberger Symphoniker übernommen – die ersten beiden Jahre parallel zum Luzerner Sinfonieorchester. Und an der neuen Wirkungsstätte fand er das richtige Umfeld vor für die Einspielung der Mahler-Sinfonien. In Bamberg findet seit 2004 alljährlich der Mahler-Dirigentenwettbewerb statt, dessen Jury Nott präsidiert. Das Orchester selbst hat mindestens eine Mahler-Keimzelle, setzte es sich doch anfänglich aus Musikern zusammen, die nach der kommunistischen Machtübernahme aus Prag flohen, wo Mahler in den Anfängen als Kapellmeister gewirkt hatte.

Seinen eher dunklen Klang mit satten Streichern, warmen Holzbläsern und sehr homogenen Blechbläsern hat es bis heute bewahrt. Dieser nicht luxuriöse, geerdete Klang bewährt sich gerade bei den Mahler-Sinfonien, allerdings nicht unbedingt bei der monumentalen achten Sinfonie für grosses Orchester, Chöre und Gesangssolisten. Mahler selbst hat diese als sein Hauptwerk betrachtet und schrieb seinem Freund Mengelberg, alle anderen Sinfonien seien nur Präludien zu dieser. Man wird das heute kaum unterschreiben. Dem riesigen Apparat, den die «Sinfonie der Tausend» erfordert, eignet sich auch etwas Problematisches.

Nott ist bemüht, den Klang schlank zu halten, das Pathos zu mildern und mit rigoroser Beachtung der selbst in den Hymnus-Entladungen des ersten Teils bis zum Pianopianissimo reichenden dynamischen Unterschiede Durchsichtigkeit zu bewahren. Ganz gelingt auch ihm nicht, das überaus komplexe Klanggeflecht zu entschlacken. Ganz anders in der vierten Sinfonie, der wohl am wenigsten mit Klangmacht befrachteten, populärsten Mahler-Sinfonie.

Hier kommt der kammermusikalische Ansatz besonders zum Tragen – in einem filigran gewobenen Netz von höchster Zartheit und Feinheit. Dabei werden die für Mahler typischen Brüche in einer scheinbar harmonischen Welt gestochen scharf zum Ausdruck gebracht – besonders deutlich in der Super-Audio-CD-Hybrid-Einzelaufnahme, die einen Surround-Sound wie bei einer DVD ermöglicht (leider wurde diese Technik nicht in die Box übernommen).

Vor Neubeginn in Genf

Jetzt steht Jonathan Nott vor einem Neuanfang, der sich abzeichnete, als er 2014 neben den Bambergern die Leitung des Tokyo Symphony Orchestra übernahm und Principal Conductor der Jungen Deutschen Philharmonie wurde. In der kommenden Saison übernimmt er als Nachfolger von Neeme Järvi die Leitung des einst von Ansermet zu Weltruhm geführten Orchestre de la Suisse Romande. In Genf dürfte künftig der künstlerische Schwerpunkt liegen. Vielleicht liebäugelt der Dirigent mit der Aussicht, vermehrt wieder Opern (im Grand Théatre de Genève) zu di rigieren. Denn die Opernbühne hat Notts Werdegang von Anfang an begleitet, wie auch seine Tätigkeit im Orchestergraben des Luzerner Theaters (u. a. «Wozzeck») und seine konzertanten Opernaufführungen (der unvergessliche vollständige «Ring» am Lucerne Festival 2013!) gezeigt ­haben.

Gustav Mahler: Sinfonien 1–9, Bamberger Symphoniker, Leitung: Jonathan Nott, Tudor 1670, Box mit 12 CDs und ausführlichem Begleitheft.

Mahlersinfonien am Lucerne Festival (12. August bis 11. September):

Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly: Sinfonie Nr. 8 (12. und 13. August, ausverkauft; Liveübertragung des Eröffnungskonzerts aufs Inseli: Fr, 12. August, 18.30)

Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle. Sinfonie Nr. 7 (Di, 30. August).

Rotterdam Phiharmonic unter Yannick Nézet-Séguin: Sinfonie Nr. 10 und Lieder von Alma Mahler (Do, 1. September, alle im Konzertsaal des KKL).

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