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Dirigenten, die bestimmen und Komponisten, die schweben

Lucerne Festival diskutiert das Thema «Macht»: Warum Micheline Calmy-Rey sie nötig findet und Wolfgang Rihm denkt, keine zu haben.
Roman Kühne und Susanne Holz
NZZ Podium im KKL in Luzern zum Thema Macht. Micheline Calmy-Rey, Alt Bundesraetin, Igor Levit, Pianist, Michael Haefliger, Intendant Lucerne Festival, Rainer Hank, Journalist, (v.l.n.r.) Bild: Patrick Hürlimann/LF (Luzern, 1.September 2019)

NZZ Podium im KKL in Luzern zum Thema Macht. Micheline Calmy-Rey, Alt Bundesraetin, Igor Levit, Pianist, Michael Haefliger, Intendant Lucerne Festival, Rainer Hank, Journalist, (v.l.n.r.) Bild: Patrick Hürlimann/LF (Luzern, 1.September 2019)

Festival-Themen sind jeweils so allgemein formuliert, dass sie musikalisch alle möglichen Inhalte abdecken. Der Unverbindlichkeit, die damit einhergeht, wirkt das Sommerfestival mit gleich drei Podien entgegen. Eine erste Gesprächsrunde von Suisseculture hatte die Kulturschaffenden zu mehr Lobbying in eigener Sache ermuntert.

Das zweite Podium vom Sonntag wurde zu einer phasenweise interessanten Diskussion darüber, wie Macht auch in der Musik selber ausgeübt wird. Im Auditorium des KKL traf sich dazu eine illustre Gesellschaft um die ehemalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey.

Den Startschuss gibt hier Sergiu Celibidaches Wort, wonach Dirigenten verkappte Diktatoren sind, «die sich glücklicherweise mit Musik begnügen». Für Autor Rainer Hank («Lob der Macht», 2017) ist klar: So wie es in der Wirtschaft keine flachen Hierarchien gibt, ist auch in der Musik der Dirigent der absolute Chef. Dirigenten sind demnach Machtmenschen, nur merken sie es nicht. Und sie sind relativ harmlos, weil ihre Herrschaft mit dem Schlussapplaus endet und sie Konkurrenz ausgesetzt sind.

Niemand zieht mit Bach in den Krieg

Der Pianist Igor Levit fühlt sich teils von der Macht unterjocht, der er im Konzertbetrieb ausgesetzt ist – nämlich jener der Intendanten. Ihn stört, dass genau die Kunstliebhaber, welche die Fahne der Freiheit der Künstler am Höchsten schwingen, sich am stärksten ärgern, wenn es eine Programmänderung gibt. «Wir Künstler müssen zwei Jahre vorher festlegen, was wir wo und wann spielen. Schlage ich dann vor, dass wir zwar Beethoven machen, aber eine andere Sonate, dann sind die Intendanten teils sehr pikiert.» Michael Haefliger als Intendant sieht hier natürlich andere Nuancen. «Die 80000 Zuschauer des Sommerfestivals wollen wissen, was gespielt wird.» Und damit hat Haefliger wohl recht, wie das halb leere Wunschkonzert der Festival Strings am Sonntag zeigte.

«Wann haben Sie gemerkt, dass Macht für Sie interessant ist?», fragt Gesprächsleiter Martin Meyer Ex-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey. «Schauen Sie in die Runde», kontert diese schlagfertig. «Ich bin die einzige Frau, die einzige Welsche. Da war früh klar: Wenn ich was erreichen will, dann muss ich an die Macht – was als Bundesrätin in der Schweiz natürlich stark zu relativieren ist.»

Für Calmy-Rey hat Musik auch einen gefährlichen Aspekt, wie 2003, als US-Soldaten mit Hard Rock in den Irak-Krieg fuhren, während mit «friedlicher Musik» wie etwa von Bach niemand in den Krieg ziehe. Sie selbst hat die Schweizer Nationalhymne auf dem Telefon. «Das ist ja schon fast SVP-mässig», lacht Martin Meyer. «Die hat bei mir einen anderen Zweck», so die SP-Frau schmunzelnd. «Es stehen dann alle Leute im Saal auf.»

Die gefühlte Machtlosigkeit des Komponisten

Über seine gefühlte Machtlosigkeit äussert sich der Komponist Wolfgang Rihm beim dritten Gespräch zum Thema, dies am Montag in der Universität Luzern: «Will man Musik beschreiben, dann zieht sie sich zurück. Vielleicht gibt es sie gar nicht. Sie hat keinen Ort, kein Unikat.» Bei allem Nicht-Sein jeder Musik, berühre sie aber die Menschen. Jeder spüre für sich, dass Musik etwas mit ihm «mache» – eine Form der Machtausübung von Musik. Aber sie mache mit jedem etwas anderes – weshalb es keine gleichgeschaltete Wahrnehmung von Musik gebe.

Rihm spricht zudem über den mystischen Funken der Inspiration beim Komponieren: «Es gibt einen Zustand höchster Bewusstheit beim Arbeiten, in welchem sich die Dinge wie von selbst ordnen. Da spüre ich dann manchmal, dass etwas durch mich durchgreift.» Dieser Zustand sei jedoch weder vorherseh- noch herbeiführbar. Der Komponist merkt an: «Diese inspirierten Momente gehören mir nicht. Etwas ist hier weiter und grösser als ich.»

«Du hast also nicht immer allein die Macht über die Musik», meint Gesprächspartner und Musikwissenschaftler Ulrich Konrad. «Natürlich nicht», antwortet Wolfgang Rihm. «Immer wieder erfahre ich: Es schreibt mich.» (kü/sh)

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