DOKUMENTARFILM: Janis Joplin war nur auf der Bühne glücklich

Ihr Gesang ist unverwechselbar, ihre Rolle in der Musikgeschichte einzigartig. Ein Dokumentarfilm zeigt nun den Menschen hinter der Rockikone Janis Joplin.

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So sieht ein Musikerfreund Janis Joplin (im Bild im Jahr 1969 in Dänemark): «Sie war laut, sehr intelligent, meistens überlegt und aufbrausend.» (Bild: PD)

So sieht ein Musikerfreund Janis Joplin (im Bild im Jahr 1969 in Dänemark): «Sie war laut, sehr intelligent, meistens überlegt und aufbrausend.» (Bild: PD)

Regina Grüter

«I wanna see you people move!», schreit Janis Joplin ins Publikum. Und siehe da, sogar in der majestätischen Albert Hall in London erheben sich die Konzertbesucher von den Sitzen. Es ist der 21. April 1969, Janis Joplin ist mit ihrer zweiten richtigen Band, der Kozmic Blues, auf Europatournee.

Bis dahin war es ein weiter Weg, und mit Janis ging es abwärts. Auf der Bühne zu stehen, sei für sie wie Liebe machen gewesen, umschreibt ein Bandmitglied die unglaubliche Verbindung der Sängerin zu ihrem Publikum. Nach dem Gig war sie auf sich selbst zurückgeworfen und der Schuss danach zur Gewohnheit geworden. 1970 stirbt sie mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin.

Intimes Zeugnis: Joplins Briefe

Die US-amerikanische Dokumentarfilmerin Amy J. Berg nimmt in «Janis: Little Girl Blue» den Absturz vorweg, erzählt dann aber die Geschichte von Janis Joplin, geboren 1943 in Port Arthur, Texas, von Anfang an – als Geschichte eines Mädchens auf der Suche nach Liebe und Anerkennung.

Doch eigentlich ist es zu einem grossen Teil die Rockikone selbst, die spricht. Die Sängerin Chan Marshall, auch bekannt als Cat Power, liest Briefe, die Joplin im Laufe ihres Lebens an ihre Eltern und Freunde geschrieben hat. Neben einer Fülle von Archivmaterial und Gesprächen mit Familie, Freunden und Weggefährten entsteht so das Bild einer Frau mit grosser emotionaler Tiefe, die in der Gegenkultur der 1960er-Jahre ihre Heimat gefunden hat, ohne die alten Dämonen jemals ganz los zu werden.

«Sie spielte das böse Mädchen»

Denn eigentlich wollte sie immer so sein, wie die anderen. Und dann halt eben doch nicht. Sie entsprach nicht dem gängigen Frauenbild und liebte es, Staub aufzuwirbeln, wie ihr jüngerer Bruder Michael sagt. Sie stellte sich offen gegen die Segregation – in einer Gemeinde, in der der Ku-Klux-Klan aktiv war – und beharrte auf einer eigenen Meinung. In der Highschool und auch später an der Universität liess man sie dafür büssen. Man hat sie ausgegrenzt und ihr Verletzungen zugefügt, über die sie nie ganz hinwegkommen sollte. «Sie spielte das böse Mädchen, aber sie war kein Bad Girl», formuliert es ein Freund aus Jugendtagen.

Mit 17 Jahren begann Janis Joplin zu singen und fand ein Ventil für ihren Schmerz. Davor habe sie viel Musik gehört, wie sie selbst sagt. Sie liebte den Blues, liebte Odetta, Bessie Smith oder Aretha Franklin – und natürlich Otis Redding, den sie schwärmerisch «my man» nannte.

Doch die Welt war im Begriff, sich zu ändern, und sie wollte Teil dieser neuen Bewegung sein. Nach musikalischen Anfängen in Austin zog es sie 1963 nach San Francisco, Zentrum der Gegenkultur, wo sie auch zum ersten Mal ernsthaft mit Drogen in Berührung kam. Ihre erste Liebe war ein Meth-Dealer.

Sie versucht es noch mal halbherzig mit einem normalen Leben, bevor sie mit der Band Big Brother and the Holding Company am legendären Monterey Pop Festival so richtig durchstartet. Dort filmte D. A. Pennebaker, Pionier des Direct Cinema, die Rock-’n’-Roll-Pionierin bei ihrem Auftritt. Die Aufnahme zeigt plastisch, wie die ekstatische Performance beim Publikum erst einen Wow-Effekt auslöste, bevor dieses ebenfalls in einen unkontrollierten Bewegungsrausch verfiel. Es war Janis Joplins Durchbruch als Sängerin. Sie sollte zwei Platten mit Big Brother and the Holding Company und zwei Soloalben aufnehmen und das Heroin zeitweise durch Alkohol ersetzen. Die grosse Liebe sollte sie zwar finden, sie zu leben war ihr jedoch nie vergönnt. Was blieb, ist die Musik, in die sie all ihre Gefühle hineinlegte. Kris Kristofferson findet schöne Worte für die Interpretation seines Songs «Me & Bobby McGee», Joplins grösster Hit.

«Janis» und «Amy»

«Auf der Bühne zu stehen, ist das Beste, was mir je passiert ist», sagte der neue Superstar später in der Dick-Cavett-Show, wo sie mehrere Male zu Gast war. Cavett, inzwischen 79, mochte Janis und kommt auch im Film zu Wort. «Würde es jemanden interessieren, wenn ich wieder mit dem Heroin anfangen würde?», soll sie in einem privaten Moment zu ihm gesagt haben. Trotz allem Erfolg auf der Bühne gingen ihre Buddies mit irgendwelchen hübschen Mädchen nach Hause, blieb sie allein.

Das Porträt «Janis: Little Girl Blue» erinnert stark an «Amy», den Dokumentarfilm über Amy Whinehouse, eine andere Ausnahmesängerin, die, wie Joplin mit 27 Jahren, an einer Alkoholvergiftung gestorben ist. Sowohl Amy J. Berg als auch Asif Kapadia, der Regisseur von «Amy», haben eine Unmenge an Archivmaterial zusammengetragen – Kapadia ungleich mehr – und aufschlussreiche Gespräche mit Hinterbliebenen geführt. Bei «Amy» wünschte man sich, die Filmemacher hätten ihren Absturz nicht allzu detailliert wiedergegeben.

Die Songs von Amy Whinehouse kamen tief aus ihrer Seele. Janis Joplins Lieder und Texte sprachen auch für viele andere Menschen – sie konnte auch fremden Schmerz fühlen. Beider Musik ist in ihrer je eigenen Weise emotional aufrichtig. Doch die grossen Sängerinnen lebten in anderen Zeiten. Amy Whinehouse rückte auch noch eine Horde Blut riechender Paparazzi auf den Leib.•••••

Hinweis

«Janis: Little Girl Blue»: Vorpremiere, Kino Bourbaki (Luzern), Freitag/Samstag, 22.45 Uhr.