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Dokumentarfilm «Welcome To Sodom» steht auf der anderen Seite des Konsums

In «Welcome To Sodom» geht es um viel mehr als um Elektroschrott. Ein bemerkenswerter Dokumentarfilm.

Regina Grüter
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Dass die Einheimischen den Ort «Sodom» nennen, sagt eigentlich schon alles. Eine langsame Kamerafahrt der Horizontale entlang führt den Zuschauer in diesen «Unort» ein, und in seine Weite: Kabel quellen aus elektronischen Geräten hervor, Plastik, Karton, Papier wohin das Auge blickt. Und immer wieder auch Menschen, Ziegen und Schafe. Agbogbloshie heisst dieser «Sündenpfuhl», dieser riesige Elektronik-Abfallberg, wirklich, gleich wie der Stadtteil im südlichen Industriegebiet der ghanaischen Hauptstadt Accra.

«Welcome To Sodom» lautet der logische Titel des Dokumentarfilms des österreichischen Regieduos Florian Weigensamer und Christian Krönes. Sie machen ganz Vieles richtig. Dieses Porträt einer der grössten Elektroschrott-Deponien der Welt und der 6000 Frauen, Männer und Kinder, die dort leben und arbeiten, hätte leicht zum moralischen Lehrstück geraten können. Das uns, als Teil der westlichen Konsum- und Wegwerfgesellschaft, die für diesen Abfall verantwortlich ist, ein schlechtes Gewissen macht.

Ganze Kabelberge werden angezündet, um die wertvollen Metalle freizulegen. Bild: Kombinat Filmdistribution

Ganze Kabelberge werden angezündet, um die wertvollen Metalle freizulegen. Bild: Kombinat Filmdistribution

Aluminium, Kupfer, ­ Zink

Ein schlechtes Gewissen ist nie ein guter Ratgeber. Statt eines neunmalklugen Voice-Over-­Kommentars übergeben die Filmemacher das Wort den Bewohnern und lassen sie in ihren je eigenen Worten beschreiben, was Sodom und das Leben hier für sie bedeutet. Und die kehren mehr als einmal den Spiess um, was das Verhältnis Afrika – Europa anbelangt, und auch so manches Klischee oder Vorurteil.

Als weisser Mann etwa, meint ein junger Arbeiter, würde man hier nicht bestehen: «Dies ist Afrika. Dies ist Sodom. Hier musst du arbeiten wie ein Löwe.» Selbstverständlich hatten Weigensamer und Krönes die Finger im Spiel, lieferten Gedankenanstösse. Die wohlformulierten Gedanken aber stammen vom Jungen, der die Abfalllandschaft mit dem Magnet durchforstet und die Ware für ein paar ghanaische Cedi an den Metallhändler am Strassenrand verhökert; vom Businessman, der hier das Geschäft seines Lebens macht und doch nach Europa will; vom schwulen, jüdischen Arzt, für den Sodom vorübergehende Zuflucht bietet. Wer wollte nicht von hier weg? Es fällt der Satz: «Fliehen selbst ist schon Erniedrigung und Schikane.»

Die Schönheit ­ im Verfall

Das Zweite, was «Welcome To Sodom» auszeichnet, ist die hervorragende Kameraarbeit von Christian Kermer. Immer wieder stehen und sprechen die Bilder für sich selbst, verstärkt durch sphärische Minimalklänge auf der Tonspur. Sie erreichen ähnliche Einprägsamkeit wie etwa Edward Burtynskys Fotografie einer alten Chinesin, die in einem Haufen Handys sitzt und die Geräte auf wiederverwertbare Teile prüft. Es brennt und qualmt in Sodom – man kann die giftigen Dämpfe, die vom schwarzen Rauch ausgehen, fast riechen. Und das ist nicht schön, sondern beunruhigend. Man kann dem Film also nicht vorwerfen, Sodom zu romantisieren. Das Einzige, was man kritisieren kann, ist, dass er ein kleines bisschen zu lang ist und sich die Bildeindrücke repetieren.

Sodom, das sei der Klang von arbeitenden Menschen, sagt ein junger Musiker. Er widmet diesem verfluchten Ort, dem er in Hassliebe verbunden ist, einen Song. «Welcome To Sodom» heisst er. Dieser Wahnsinns-Film erheischt kein Mitleid und macht kein schlechtes Gewissen, sondern lässt den Zuschauer in grösseren Bahnen denken. In «Welcome To Sodom» geht es um viel mehr als um Elektroschrott. Es ist ein Film über die Menschheit.

Hinweis: «Welcome To Sodom» läuft ab Donnerstag im Stattkino, Luzern.