Opernhaus Zürich
Don Giovannis Horror Picture Show

Mozarts «Don Giovanni» endet am Opernhaus Zürich wegen der provokanten und oberflächlichen Regie von Sebastian Baumgarten in einer wilden Buh-Bravo-Schlacht.

Christian Berzins
Merken
Drucken
Teilen
Don GIovanni-Premiere am Opernhaus Zürich
5 Bilder
Don Giovanni in Zürich
Don Giovanni in Zürich
Don Giovanni in Zürich
Don Giovanni in Zürich

Don GIovanni-Premiere am Opernhaus Zürich

Die Wagnerianer warten schon lange: «Das wird ein Skandal!» Sie hatten gesehen, wie Sebastian Baumgarten in Bayreuth den «Tannhäuser» in einer Biogasfabrik spielen liess. Die Verdifreunde verstanden gleich, was da drohte, und selbst den aufgeklärten Mozartmenschen wurde angst und bange, sollte dieser Regisseur doch in Zürich die «Oper der Opern», den «Don Giovanni», inszenieren. Baumgarten verkörpert perfekt, was der gemeine europäische Abo-Besitzer abschätzig «deutsches Regietheater», der Amerikaner Euro-Trash nennt – Worte, die Theatermenschen hassen. Wie auch immer. In Berlins «Komischer Oper», wo Zürichs neuer Opernintendant Andreas Homoki viele Jahre arbeitete, waren solcherart Künstler zu Hause – und die Auslastung naturgemäss im Keller.

Viele befürchteten Berliner Verhältnisse in Zürich, als Homoki zum Pereira-Nachfolger gewählt wurde. Doch anstatt zu Abo-Kündigungen kam es dieses Jahr zu einer Abo-Zunahme, und im März gab das Opernhaus Signale, dass die Jahresrechnung positiv ausfallen würde. Kein Wunder: Homoki hat alles minuziös klug geplant, die Neuinszenierungen folgten einer klaren Linie, die Wiederaufnahmen wurden sorgfältig neu erarbeitet. Der vermeintliche Opernschreck zeigte sich als moderner Opernästhet, die Zürcher Opernrevolution fiel sanft aus. Ärgerlich, dass nun «Don Giovanni» durchfällt.

«Fürchtet Gott, denn die Stunde des Gerichts ist gekommen», heisst es auf einem flimmernden Video noch vor der Ouvertüre. Fürchtet Baumgarten, wäre passender . . . Kaum wird gespielt, schickt er die nächste Botschaft. Jeder müsse zweimal geboren werden, um ein wahrer Mensch zu werden. Typisch Regietheater: Nichts erklärt sich offenbar von selbst. Dabei ahnt jeder, was gemeint ist: Nicht nur der Titelheld, der 2065 Frauen verführt hat und als Libertin die individuelle Freiheit preist, versündigt sich, sondern auch alle anderen Charaktere gehören erst mal in der Hölle gebraten. Und so zeigt denn Baumgarten alsbald überdeutlich, wer wann welche Todsünde begeht: Eine Sektengruppe verdeutlicht anhand von «Don Giovanni», wie der Mensch den Todsünden verfällt. Doch dieses quasi epische Theaterspiel im Spiel raubt den Figuren Kraft und Charme, hinterlässt sie als blutleere Akteure. Die vielen Nebenschauplätzchen rauben dem Werk seine ureigene Kraft.

Peter Mattei kann einem als Titelheld leidtun. Er schafft aber das ihm auferlegte Kunststück, das Laiensektenspiel schlecht zu spielen und grossartig zu singen, obwohl sich Musik und Szene bisweilen konträr verhalten. Das «Ständchen» gibt er im Regen, beim Fest im ersten Finale schlachtet er eine Frau, das Blut spritzt meterhoch, Marquis de Sade steht Don Giovanni Pate.

Der Titelheld beginnt in Baumgartens Horror Picture Show als King Kong, wandelt sich dann vom Jesus via Schockrocker Marilyn Manson zum Teufel. Alles ohne Wirkung. Don Giovannis zerstörerische Kraft haben Regisseure wie Martin Kusej besser dargestellt. Eros interessiert Baumgarten nicht, seine Materie ist das Plumpe, Zauber und Schönheit gibt es in seiner Welt nicht.

Zu Donna Anna ist Baumgarten zum Glück nichts eingefallen, und so kann sich die Lettin Marina Rebeka stimmlich bestens entfalten: mit prächtig grossem Sopran, der zu dramatischen rubinroten Tönen fähig ist. Julia Kleiter gibt die Elvira unauffällig, Pavol Breslik wie Ruben Drole stossen mit Don Ottavio wie mit Leporello stimmlich an ihre Grenzen, sind dafür als Schauspieler gefordert.

Erstaunlich, welch musikalisches Feuer der junge Senkrechtstarter Robin Ticciati entfacht. Da er die Barockformation La Scintilla so aufgefächert klar dirigiert, hört man Erstaunliches, doch trotz der Detailjagd und überaus klaren Tempi vermisst man bisweilen einen Sog. Dass Robin Ticciati zum Schluss Buhs kriegt, liegt allerdings daran, dass er verantwortlich ist für die ironisch völlig verzerrt gespielten Rezitativbegleitungen, die vermeintlich zur Regie passen sollen.

Aber gerade diese Inszenierung lenkt in einem hässlichen und übervollen Bühnenbild (Barbara Ehnes) viel mehr von der Musik ab, als dass sie aus ihr gedacht wäre. Hier muss eine Oper für eine bühnenferne Kopfidee herhalten. Baumgartens Hang, alles anders als bis anhin machen zu wollen oder zu karikieren, nervt. Wer den Inhalt nicht gut kennt, weiss mit diesen Interpretationen wenig anzufangen. Und somit ist «Don Giovanni» weit entfernt von Homokis Leitspruch «Oper für alle».

Die Verärgerung rundum war gross, Opposition zu den Buhs gabs allerdings durchaus. Glück für Homoki, sind die Abo-Verlängerungen gemacht. Diese Art Regie wird in Zürich in kurzer Zeit zu leeren Kassen führen – die Schauspielhaus-Jahre Christoph Marthalers lassen grüssen.

Don Giovanni: 10-mal bis 27. Juni.