«Dorothy Parker begleitet mich seit Teenager-Jahren»

Die schweizerisch-deutsche Lyrikerin Nora Gomringer las in Gottlieben aus Dorothy Parkers Lyrikband «Denn mein Herz ist frisch gebrochen». Im Interview bekennt sie: "Zu Parker habe ich schon meine Maturaarbeit verfasst."

Interview: Dieter Langhart
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Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Nora Gomringer ist Sängerin, Lyrikerin und eine grossartige Performerin. (Bild: Judith Kinitz)

Nora Gomringer ist Sängerin, Lyrikerin und eine grossartige Performerin. (Bild: Judith Kinitz)

Was mögen Sie an der Amerikanerin Dorothy Parker?

Sie begleitet mich seit Teenager-Jahren. Ich kann viele ihrer Texte auswendig, habe meine Maturaarbeit über sie geschrieben. Meine neue CD, die im Frühjahr erscheint, heisst «Peng Peng Parker» und enthält die Vertonungen der englischen und deutschen Texte von Philipp Scholz und mir. Dann gehen wir auf grosse Tour.

Sie verdanken Ihrer Mutter Nortrud «die genetische Eingabe ‹Literatur›» – was Ihrem Vater Eugen?

Meinem Vater die freundliche, gleichmütige Betrachtung des Literaturbetriebs. Wir fühlen uns nicht ganz zugehörig, haben manchmal vielleicht Sehnsucht, aber im Ganzen arbeiten wir alle sehr gerne und viel.

Wo trifft sich Ihre Gedankenwelt mit der Ihrer Eltern, wo überhaupt nicht?

In der Bildenden Kunst sind wir Konstruktive, in der Literatur Experiment und Lyrik, in der Musik sind wir Tanz oder Stille. Ich bin grosser Horrorfilmfan. Das teilen meine Eltern nicht.

Auch meine Geistergläubigkeit und meine Alkoholabstinenz irritiert sie.

Warum nennen Sie sich Nora und nicht Nora-Eugenie?

Als «legal person» bin ich Nora-Eugenie. Als Direktorin etwa. Als Autorin nun seit 20 Jahren Nora.

Ist das nicht grausam: einziges Mädchen nach sieben Brüdern?

Nein. Eher sehnsüchtig. Die Brüder waren ja bald alle komplett aus dem Haus oder mir völlig fremd. Sieben Brüder, das klingt biblisch und märchenhaft. Aber vor allem sind so viele Brüder, die nicht da sind, Echos.

Ist auf die Sprache Verlass?

Ja, auf ihre Nutzer nicht immer.

Auf welche Menschen ist Verlass?

Auf solche, die keine Freude an Macht haben und nicht grausam sind.

Sie leiten das Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Was bedeutet Ihnen Eintracht?

Viel. Sie stützt die Arbeit und lässt einen überlegte Entscheidungen treffen.

2005, Poetry Slam im Eisenwerk Frauenfeld: Sie teilten sich den Sieg mit Gabriel Vetter. Wo war er besser?

Gabriel Vetter ist der Beste darin, Gabriel Vetter zu sein, grosser Comedian, cleverer Publikumsjongleur und Mann mit Über- und Einblick.

Ich bin halt Nora Gomringer. Ich schreibe über Monster, den Holocaust, Glaube und bin lustig.

Ich singe und spreche auf der Bühne und ich kann gut improvisieren. Ich kann mich an diesen Slam nicht erinnern, nur dass wir jung waren und er mit meiner Freundin ausging. Das fand ich gut und spannend.

Sie sagten einmal, bei Lyrik sei der erste Adressat das Auge. Deshalb versuchten Sie sie durch das Vortragen anfassbar zu machen. Trauen Sie der Mündlichkeit eher als der schriftlichen Form?

Ja, ich traue dem Moment und der Kraft des Vergänglichen. Was vorbeigeht, darf Pathos haben und funkeln.

Ihr liebster Lieblingsvers in Ihrem Werk?

Nora Gomringer macht das Gedicht. Aus.

Was vermag in der Literatur nur die Lyrik?

Die Lyrik kann saisonal auferstehen. Ständig totgesagt ist sie die zäheste Gattung in der Literatur.

Und wo scheitert die Lyrik?

Nirgendwo. Aber sie bringt zur Verzweiflung. Da ist sie gut drin.

Sie haben 2015 den Ingeborg-Bachmann-Preis mit einer Persiflage auf eine journalis­tische Recherche gewonnen. Was macht denn eine gute Recherche aus?

Eine Persiflage? Gar nicht. Der Text ist die Beschreibung einer Recherche, die die Rechercheurin am Ende samt der herausgefundenen Wahrheit zu Tode kommen lässt. Gute Recherche ist Planung, Dokumentation, Zuhören, Hinsehen. Und Selbstmahnung zur bewussten Objektivität.

Seit diesem Jahr sind Sie Jurorin in Klagenfurt. Hat Sie das verändert?

Noch nicht. Es war nur sehr anstrengend und ich nicht gut vorbereitet. Ich verstehe jetzt mehr vom Ganzen und freue mich, wenn sich mir wieder Autorinnen und Autoren anvertrauen möchten.

In einem Ihrer Texte schreiben Sie, Nora Gomringer möchte ungeschehen ­machen. Was wäre am dringendsten?

Grosse Kriege und böse Wörter, Lügen, ein paar Männer, Gewichtszunahmen, Schulden, das Sehen von «Jurassic World».