DRAMA: Nachwirkungen des Bürgerkriegs im Alltag

In «White Sun» erzählt Regisseur Deepak Rauniyar die Geschichte einer Beerdigung – und damit ­ von den Spaltungen und Spannungen in Nepals Gesellschaft.

Nadja Sutter, sda
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Das Mädchen Pooja hält Chandra für seinen Vater. (Bild: Trigon Film)

Das Mädchen Pooja hält Chandra für seinen Vater. (Bild: Trigon Film)

Der Vater von Chandra und Suraj ist im oberen Stock des Hauses gestorben. Das ist ein Problem. Denn gemäss nepalesischer Tradition darf der Leichnam nicht durch den Haupteingang aus dem Haus getragen werden. Bleibt also nur der Transport durch das enge Fenster – und das ist schwierig, denn im Dorf ist Suraj der einzige kräftige Mann. Geblieben sind nur Greise, Kinder und Frauen, und Letztere dürfen laut dem Dorfgeistlichen den Toten nicht berühren.

Als Surajs Halbbruder Chandra aus der Stadt in sein abgelegenes Heimatdorf zurückkehrt, schauen die Zehen seines toten Vaters durch das Fenster im oberen Stock. Erst mit Chandras Hilfe kann der Leichnam aus dem Haus bugsiert und aufgebahrt werden. Doch damit beginnen die Konflikte erst. Suraj will den Vater mit einer Königsflagge bestatten, denn dieser war wie er Anhänger des während des Bürgerkriegs vom Thron gestossenen Königs. Für den Maoisten und ehemaligen kommunistischen Guerillero Chandra kommt das aber gar nicht in Frage. Die politische Diskussion zwischen den Halbbrüdern erhitzt sich weiter, während sie den aufgebahrten Vater auf einem steilen Pfad hinunter zum Fluss tragen. Sie streiten so lange, bis Suraj die Bahre fallen lässt und davonläuft – unter lauten Klagen des Dorfgeistlichen, denn die Bahre darf gemäss Tradition den Boden nicht be­rühren.

Parteien, Kasten, ­Generationen

Deepak Rauniyar erzählt in seinem zweiten Langspielfilm mit dem Originaltitel «Seto Surya» die einfache Geschichte dieser Beerdigung. Mit feinen Nuancen und leisem Humor gelingt es ihm, das gesellschaftliche Trauma nach dem erst vor wenigen Jahren beendeten nepalesischen Bürgerkrieg aufzuzeigen.

Da ist die tiefe Rivalität zwischen den Halbbrüdern, dem Royalisten Suraj und dem Maoisten Chandra, die Hilfe bei ihren jeweiligen Parteigängern suchen, um ihren Vater doch noch zum Fluss hinunterzubringen. Da sind die traditionsbewussten Alten, allen voran der Dorfgeistliche, die auf ihren Traditionen und Ritualen bestehen, egal wie umständlich sie sind. Ihnen gegenüber steht Chandras Ex-Frau, die alleinerziehende Durga, die aus einer niederen Kaste stammt, aber für gleiche Rechte kämpft.

Durgas Tochter Pooja wiederum reisst aus und begleitet Chandra auf Schritt und Tritt. Denn sie ist überzeugt, dass er ihr Vater ist – obwohl ihre Mutter und Chandra das abstreiten. Auch Badri, ein Strassenbub, der Chandra aus dem Nachbardorf gefolgt ist, behauptet dessen Sohn zu sein. Doch die beiden Kinder überwinden im Gegensatz zu den Erwachsenen ihre Differenzen. Sie und die anderen Dorfkinder sind es, die für das hoffnungsvolle Ende des Films sorgen.

Der Bürgerkrieg habe auch nach seinem Ende einen grossen Einfluss auf den Alltag aller Nepalesinnen und Nepalesen, sagt Regisseur Deepak Rauniyar im Gespräch. Das habe er mit dem Film zeigen wollen: «Der Krieg hat ein grosses Trauma hinterlassen, doch es ist sehr schwierig für uns, darüber zu sprechen.»

Historische ­ Aufarbeitung

Mit dem Film wolle er die Menschen dazu bringen, über dieses Trauma nachzudenken und sich auszutauschen. In seinem Heimatland habe er tatsächlich eine öffentliche Diskussion ausgelöst. Aber auch international hat der Film grossen Erfolg: 2016 gewann er am Filmfestival Venedig den Interfilm Award in der Kategorie Orizzonti. Am Internationalen Filmfestival Freiburg war er einer der Anwärter auf den Hauptpreis.?????

 

Nadja Sutter, SDA

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«White Sun» startet morgen im Stattkino (Luzern).