Drei Männer im Flow

Christian Herter, André Schuler und Matteo Laffranchi arbeiten seit Jahren auf dem gleichen Stock im Luzerner Atelierhaus Bildzwang. In der Kunsthalle stellen die Plastiker erstmals zusammen aus.

Céline Graf
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Gleiches Haus, andere Plastiken: Christian Herter, André Schuler und Matteo Laffranchi (von links). (Bild: Pius Amrein, Luzern, 13. Februar 2019)

Gleiches Haus, andere Plastiken: Christian Herter, André Schuler und Matteo Laffranchi (von links). (Bild: Pius Amrein, Luzern, 13. Februar 2019)

Gefrorenes Herz? Ein grösserer Gegensatz könnte nicht sein zwischen Matteo Laffranchi und der Skulptur mit blau leuchtendem Kern, die er an eine Wand des länglichen Ausstellungsraums in der Kunsthalle gehängt hat. Denn der Tessiner Plastiker hat viel Wärme in der Stimme. «Ich gehe von einem Gefühl aus und lasse mich dann von den Materialien und Formen führen», erklärt er. So entstand auch das kubisch-felsenähnliche Objekt aus Sperrholz, Baumwolletuch, Gips und Farbe, zu dem ihm der Titel «Frozen Heart» (2016) einfiel.

«Matteo ist ein sehr gmögiger Mensch», sagt André Schuler. «Und seine Kunst überrascht mich auch immer wieder. Bei ihm ist irgendwann ein Flow entstanden, der bis heute anhält.» Schuler, ursprünglich aus Lyon, ist seit neun Jahren Laffranchis Ateliernachbar im Künstlerhaus Bildzwang auf der Reussinsel. Auf der gleichen Etage gegenüber hat sich der Zürcher Christian Herter eingerichtet. Alle sind hauptsächlich Plastiker und alle haben in den 80er-Jahren eine Kunstschule besucht. Laffranchi in Florenz, Herter und Schuler in Luzern.

Alchemie, Balance und Biologie

Vor eineinhalb Jahren hat Michael Sutter, Leiter der Kunsthalle Luzern, sie angefragt, ob sie gemeinsam eine Ausstellung machen würden. Heute eröffnet die schlicht «Herter-Laffranchi-Schuler» genannte Schau. «Die drei Künstler arbeiten unter einem Dach, haben aber eigenständige Positionen», sagt der Kurator. Diese sowie die «unterschiedlichen technischen und materiellen Ansätze» werden in der Kunsthalle einander gegenübergestellt, «um den Begriff der zeitgenössischen Plastik zu hinterfragen», so das Ziel laut Programmtext. Der Vergleich zwischen den drei Handschriften ist für das Publikum gut zu bewerkstelligen. Was die Kunsthalle Luzern indes als zeitgenössische Plastik definiert und ab wann diese als hinterfragt gelten darf, ist allein durch einen Ausstellungsrundgang schwierig zu beurteilen.

Was die ausgestellten Werke auf den ersten Blick verbindet: Sie sind eher abstrakt, nur hie und da erinnern Teile davon leicht an den Alltag. «Esoscheletro» (2018) von Matteo Laffranchi etwa könnte eine Tasche sein, und sind André Schulers Wandskulpturen nicht angemalte Schrotthäufchen? «Mir gefällt es, den Assoziationen der Betrachter freien Lauf zu lassen», sagt Laffranchi. Seine Werke entwickelt er nach persönlichen Geschichten, die für andere aber ein Geheimnis bleiben. Ausführlicher spricht der ausgebildete Gemälderestaurator über die Beschaffenheit von Oberflächen und Stoffen, mit denen er wochenlang experimentieren kann.

«Matteo ist ein Tüftler. Ein wenig wie ein mittelalterlicher Alchemist kommt er mir manchmal vor», sagt Christian Herter. Er selbst hat eine Wand in der Kunsthalle mit seinen typischen «Chromosomen» (2013–2019) gestaltet. Die farbigen Bricolagen spielen mit dem griechischen Wortursprung «chroma» von «Farbe» und dessen Verwendung in der Biologie.

Von Christian Herter sind auch die beiden grössten Objekte der Ausstellung: «Archityp 1» und «Archityp 2», die er letztes Jahr hergestellt hat, greifen eines seiner zentralen Themen auf. «Ich beschäftige mich immer wieder mit dem Prekären, Instabilen», sagt er. Die fragile Balance der Sperrholzplatten, die nicht verschraubt, sondern nur mit Steinen und Zwingen befestigt sind, könnte jederzeit kippen. So scheint es zumindest.

«Wir nehmen unsere Arbeit gegenseitig sehr wahr»

Das Auge täuscht auch bei André Schulers vermeintlichem Sperrmüll. Tatsächlich hat er die Bretter, Äste, Rohre oder Steine aus Styropor, Gips und Farbe modelliert. Vor dem Leimen hat er sie auf dem Boden zertrümmert. «Ich versuche, Absichten zu brechen», sagt er.

Den Werkprozess offen halten für Zufälle, damit ein produktiver «Flow» entstehen kann – das ist allen drei Künstlern wichtig. Doch auch der Austausch mit den Atelierkollegen hilft. «Wir nehmen unsere Arbeit gegenseitig sehr wahr», sagt André Schuler. «Wir reagieren aufeinander», bestätigt Christian Herter. Matteo Laffranchi nickt: «Manchmal bringen sie mich ­sogar auf eine entscheidende Idee.»

Hinweis

Die Ausstellung endet am 24. März 2019 mit einem Künstlergespräch.