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Sängerin Ana Scent: «Du musst Blockaden aushalten»

Die St. Gallerin Ana Scent singt auf ihrem neuen Synthie-Pop-Album von Bodybuildern, Selbstzweifeln und unerfüllter Liebe. Die Platte heisst «Infinity» – unendlich ist auch die Ausdauer der Sängerin. Denn in der Musikbranche hat niemand auf sie gewartet.
Melissa Müller
Leidenschaftlich und hartnäckig: Ana Scent in der Grabenhalle. (Bild: Michel Canonica)

Leidenschaftlich und hartnäckig: Ana Scent in der Grabenhalle. (Bild: Michel Canonica)

Die Bühne ist in blaues Licht getaucht. Ana Scent spielt auf ihrem Keyboard poppige Elektroklänge. Sie trägt ein halbtransparentes schwarzes Kleid mit breitem Ledergürtel – eine Mischung aus zart und hart. «Der nächste Song handelt von jungen Männern, die sich Anabolika spritzen», kündigt sie in der St. Galler Grabenhalle an. «Macht das nie!» Den moralischen Zeigefinger verzeiht man ihr: Ana Scents Trumpf sind ihre sympathische Ausstrahlung und ihre helle Stimme. Die 30-jährige Eggersrieterin ist mit ihrem Synthie-Pop-Album am Start: «Infinity».

Nicht alle Songs überzeugen. Am stärksten ist Ana Scent, wenn sie ihre Emotionen bloss legt. Das tut sie etwa in der Ballade «Too Close», die den Höhepunkt ihres Konzerts in der Grabenhalle bildet: Da ist nur das Klavier und ihre Stimme, die sich empor schwingt, intim, eindringlich und verletzlich. Alle verstummen, lauschen gebannt. Zu diesem Song inspirierte sie eine unmögliche Liebe. Der Angebetete war bereits vergeben. «There are oceans between us», singt sie mit bittersüsser Wehmut.

«Zu komplex, zu wenig Indie»

Sie merke auf der Bühne sofort, welche Songs beim Publikum greifen, sagt Miriana Hochreutener alias Ana Scent ein paar Tage später bei einem Capuccino. Und erzählt von den Schwierigkeiten, im Showbiz Fuss zu fassen. Es begann damit, dass sie kein Label fand. «Deine Musik ist zu wenig Indie», sagten die Produzenten, oder: «zu wenig Mainstream.» Ana Scent veröffentlichte ihre Musik deshalb auf dem Portal iGroove. Von Christoph Huber, Programmchef des Openair St. Gallen, kassierte sie ebenfalls eine Absage. Auch bei Radiostationen wurde die Künstlerin nicht immer mit offenen Armen empfangen. Radio 24, FM1 und Energy wollten ihre Songs nicht spielen. «Zu komplexe Melodien, zu alternativ», hiess es. «Man muss hartnäckig bleiben und darf es nicht persönlich nehmen», sagt Ana Scent, die zwei Tage in der Woche als Gesangslehrerin arbeitet.

Ana Scent hat ein neues Popalbum herausgegeben. (Bild: Michel Canonica)

Ana Scent hat ein neues Popalbum herausgegeben. (Bild: Michel Canonica)

Inspiration auf dem Gletscher

Schon in der Kindheit in Eggersriet sang sie gern. Ein Lehrer lobte ihr grosses Talent, als sie in der Sek die Ballade «Heaven» von Gotthard vortrug. Sie sang als Solistin im Chor. Nach der Matura an der Kanti Burggraben in St. Gallen liebäugelte die Hobby-Kletterin mit einem Sportstudium und der Tourismusbranche – entschied sich dann aber für ein Popmusikstudium an der Hochschule für Künste in Zürich, wo sie nach Aufenthalten in London und New York bis heute lebt.

Bei ihrer Bachelorarbeit lernte sie Schlagzeuger Niklaus Gehrig kennen. Ana Scent macht alles selbst: Sie schreibt Songtexte, komponiert und arrangiert Melodien. Hat sie genug Material beisammen, geht sie zum Schlagzeuger, der ein Tonstudio hat. Dort jammen sie zusammen. Dabei gelingen ihr immer wieder Gute-Laune-Popsongs, in die sie viel Persönliches legt. «Running» etwa, der vor zwei Jahren in den Engadiner Bergen entstand, als sie unter einer kreativen Blockade litt. Sie wanderte allein zur Bovalhütte, wo sie als einziger Gast übernachtete. Der Morteratschgletscher glänzte im fahlen Vollmondlicht. Und plötzlich flogen ihr die Songzeilen zu: «The ice kisses the snow» und «I follow the rivers / they write the songs». Alles kam wieder in Fluss. Sie singt stets auf Englisch – «das klingt besser als Deutsch» – mag aber die Texte von «Dachs» auf St.Galler Mundart.

«In extremen Situationen entstehen gute Songs»

«Wenn ich extreme Hochs und Tiefs habe, etwa in der Verliebtheitsphase, fliegen mir die besten Songs zu», sagt die Frau mit dem burschikosen Kurzhaarschnitt. Um unverbindliche Affären geht es im Song «Lovers on the run»: «Es gibt viele Männer auf dem Egotrip, die sich nicht auf eine ernsthafte Beziehung einlassen wollen», sagt Ana Scent, die aus Erfahrungen ihres sechsjährigen Single-Daseins schöpft. Seit einem Jahr ist sie mit einem Grafiker liiert.

Selbstbewusst und sensibel zugleich

Dass ihr Album «Infinity» heisst, hat mit ihrer Lieblingszahl 8 zu tun, die liegend für die Unendlichkeit steht. Die 1988 Geborene hat für die neue Platte acht Songs geschrieben. Stolz überreicht sie einem beim Interview ihre Vinylplatte, mit einem glamourösen Porträt von sich drauf – in Schwarz gekleidet, roter Lippenstift, goldene Kreolen, herausfordernder, selbstbewusster und zugleich sensibler Blick. Das Kulturamt der Stadt St. Gallen habe die Produktion unterstützt. Zwei Songs landeten in der «Swiss made»-Playlist von Spotify. Zudem gibt sie Interviews in verschiedenen Radiostationen. Es geht aufwärts.

Der neue Song «Brain on fire» kreist um die Frage: Bin ich gut genug? Blockaden müsse man aushalten, ist Ana Scent überzeugt, nach ihrem Motto: «Embrace everything». «Mit diesem Song will ich allen Mut machen, an sich selber zu glauben», sagt die Musikerin. So, wie sie es selbst tut.

Albumtaufe «Infinity»: Do, 23.5., 20.30 Uhr, Exil, Zürich

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