Diese Dirigentin ist wie Dynamit in einer Männerdomäne

Am Pult grosser Orchester sind Frauen noch immer eine Rarität. Aber Emmanuelle Haïm hat es als Barockspezialistin an die Spitze geschafft. Dafür ist die Französin auch hochschwanger vors Orchester getreten.

Corina Kolbe
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Emanuelle Haïm dirigiert demnächst in Luzern und Zürich.  (Foto: Marianne Rosenstiehl)

Emanuelle Haïm dirigiert demnächst in Luzern und Zürich.  (Foto: Marianne Rosenstiehl)

Längst fliegen Frauen ins Weltall, regieren Staaten oder brausen als Formel-1-Pilotinnen über die Rennstrecken. Frauen am Dirigierpult sieht man dagegen immer noch selten. Eine Maestra mit Dirigierstock wird oft genug mit einer Löwenbändigerin verglichen, die sich in einer traditionellen Männerdomäne erst Respekt verschaffen muss. Die Französin Emmanuelle Haïm kann über solche Klischeevorstellungen nur lachen. Grössere Hürden hätten sich auf ihrem Weg jedenfalls nicht aufgetan.

«Es gab niemanden, der mir von diesem Beruf abriet»

«Schon als Kind hatte ich den Wunsch, Dirigentin zu werden», sagt die temperamentvolle 56-Jährige, die als Expertin für Alte Musik seit Jahren international anerkannt ist. Noch bevor sie in Paris Klavier, Orgel und Cembalo studierte, leitete sie an ihrer Schule bereits Choraufführungen. «Dass ich es als Frau am ­Dirigentenpult schwerer haben könnte als Männer, war mir einfach nicht bewusst. Und es gab niemanden, der mir von diesem Beruf abriet.» Allerdings brauchte Haïm als angehende Barock-Dirigentin keine Feuerprobe vor einem Symphonieorchester bestehen und musste sich nicht an Generationen von Interpre-ten des klassisch-romantischen «Kernrepertoires» messen lassen. «Wenn ich das mit zwanzig Jahren vorgehabt hätte, wäre es vielleicht doch nicht ganz einfach geworden», gibt sie freimütig zu. «An den grossen Häusern muss man sehr autoritär auftreten. In dieser Rolle stellt man sich nach wie vor zuerst einen Mann vor.»

Als Assistentin bei Simon Rattle gelernt

Haïm, die ihr Handwerk unter anderem als Assistentin von Simon Rattle erlernte, erinnert sich noch gut daran, wie sie hochschwanger vor Orchestern stand. «Manche Leute machen sich in solch einer Situation Sorgen und meinen, es könnte etwas Schlimmes passieren. Es braucht wohl noch Zeit, sich an diesen Anblick zu gewöhnen.»

Früh entdeckte sie ihre ­Leidenschaft für Barockmusik. «Den ersten Klavierunterricht hatte ich bei einer Tante, die meiner späteren Lehrerin Yvonne Lefébure, einer grossen Pianistin, assistierte. Sie liess mich viele Werke von Bach üben. Diese wunderbare Musik mit ihren vielfältigen Harmonien und Rhythmen hat alle meine Sinne geweckt.» Wegweisend für ihre Karriere war die Zusammenarbeit mit William Christie und seinem auf die historische Aufführungspraxis spezialisierten Barockensemble «Les Arts Florissants». Als musikalische Assistentin lernte sie einen schier ­unerschöpflichen Fundus teils vergessener Werke von Komponisten wie Rameau, Desmarest oder Mondonville kennen: «Und es gibt immer noch so viel zu entdecken.»

Ihre Interpretationen haben Sprengkraft

Irgendwann beschloss sie, sich ganz dem Dirigieren zu widmen. Im Jahr 2000 gründete sie ihr Ensemble Le Concert d’Astrée. «Ich brauchte ein eigenes Orchester, um alle meine Ideen umsetzen zu können.» Die Pariserin strömt eine grosse Energie aus, die beim ­Gespräch gut zu spüren ist. Wenn Emmanuelle Haïm aber erst am Dirigierpult steht und mit vollem Körpereinsatz dirigiert, überträgt sich die physische Kraft des Klangs direkt auf das Publikum. In der Musikwelt wird sie deshalb auch «The Ms. Dynamite of French Baroque» genannt. Und das trifft es recht gut, denn ihre Interpretationen zünden, sie ­haben Sprengkraft.

Auftritte in ganz Europa und nun zweimal in der Schweiz

Am Lucerne Festival debütierte sie 2016, als sich unter dem Schwerpunkt «PrimaDonna» Dirigentinnen und Komponistinnen aus aller Welt vorstellten. Mit den Wiener Philharmonikern, die erst seit 1997 Frauen offiziell als ­Orchestermitglieder akzeptieren, führte sie ein reines Händel-­Programm auf. Unter dem Titel «Desperate Lovers» präsentiert sie nun mit Le Concert d’Astrée im KKL Arien und Duette aus mehreren Händel-Opern. Die ­Sopranistin Sandrine Piau und der Countertenor Tim Mead verkörpern verzweifelt Liebende, die eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle erleben.

«Das sind herausragende Stücke aus Händels Repertoire. Tim Mead singt unter anderem die grosse Wahnsinnsarie aus ‹Orlando›. Und Sandrine Piau ist als Schäfer Acis und als Nymphe Galatea zu erleben, also zugleich in einer männlichen und einer weiblichen Rolle», erklärt sie. «Wir bringen ausserdem ein herzzerreissendes Duett von Rodelinda und Bertarido, die voneinander getrennt ins Gefängnis gebracht werden. In der Barockmusik lassen sich diese starken Emotionen ganz natürlich ausdrücken. Auch ein Feuerwerk der Virtuosität hat hier nichts Künstliches an sich, sondern dringt ­direkt in die Herzen der Zuhörer ein.»

Auch in Werken für die Kirche tauchen Tänze auf

Unter dem Motto «Sacro Profanum» führt Haïm in der Franziskanerkirche mit ihrem Ensemble ausserdem Instrumentalmusik für Hof und Kirche auf. «Zwischen geistlicher und weltlicher Musik gibt es häufig Überschneidungen, vieles ist doppeldeutig», meint sie. «Auch in Werken für die Kirche tauchen Tänze auf, allerdings bleiben sie dort etwas versteckt. Heinrich Ignaz Franz Biber, aus dessen Sonatensammlung Fidicinium Sacro-Profanum wir ein wunderbares Stück in c-Moll spielen, verstand es geradezu meisterhaft, beide Sphären zusammenzuführen.»

Ein Komponist, dessen Musik Emmanuelle Haïm seit frühester Jugend nicht mehr loslässt, ist Jean-Philippe Rameau. Mit seiner selten aufgeführten Oper «Hippolyte et Aricie» wird sie im Mai am Pult des Orchestra La Scintilla am Opernhaus Zürich debütieren. Eine Premiere im doppelten Sinne, denn dieses Werk stand in dem Haus bisher noch nie auf dem Programm. ­Regie führt die gebürtige Niederländerin Jetske Mijnssen, die in Zürich bereits Haydns «Orlando Paladino» und Mozarts «Idomeneo» inszenierte. Von Rameaus Oper seien unterschiedliche Fassungen überliefert, die sich stark voneinander unterscheiden, erzählt sie. «Das Schöne ist, dass seine Musik, wie auch viele andere Barockwerke, nicht vollständig ausnotiert ist und den Interpreten viel Spielraum lässt.» Sie hoffe, dass das Publikum diese Freiheit spüre.

Hinweis
Konzerte mit Emmanuelle Haïm
Osterfestival Luzern: 
9. April, Franziskanerkirche
11. April, KKL Luzern
www.lucernefestival.ch

Opernhaus Zürich: «Hippolyte et Aricie» von Rameau, Premiere: 19. Mai. www.opernhaus.ch