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Ein Aargauer auf Achse zwischen Paris und Moskau

Der Endinger Walter Labhart bekommt morgen vom Aargauer Kuratorium den Anerkennungspreis für seine musikalische Vermittlungsarbeit.
Sabine Altorfer
Walter Labhart zwischen Büchern, Noten Klavier und Kunst am 12. September 2019 . (Sandra Ardizzone)

Walter Labhart zwischen Büchern, Noten Klavier und Kunst am 12. September 2019 . (Sandra Ardizzone)

Wenn der Begriff nicht so hässlich wäre, müsste man Walter Labhart als die graue Eminenz in der Aargauer Kulturlandschaft bezeichnen. So viel weiss er, so viel hat der 75-Jährige in Musik und Kunst schon gemacht. Doch grau sind allenfalls die Haare und Eminenz passt nicht zu diesem freundlichen Bescheidenen.

Also beschreibt das Aargauer Kuratorium Walter Labhart in seiner Einladung zur morgigen Feier etwas kompliziert als «Musikforscher und -dramaturg, Kurator und Kulturpublizist». Als was bezeichnet er sich selber? «Kulturvermittler», sagt Labhart knapp und klar, als wir uns in seinem Haus in Endigen zum Gespräch treffen. Und das heisst für ihn: «Dass ich mich für wenig bekannte Kunst, Literatur und vor allem für Musik engagiere.» Der Schwerpunkt dabei sei klar. «Es ist die Achse Paris-Moskau, mit Zwischen-Stationen Wien und Prag.» Und er fügt an: «Schon kurz nach der Kanti-Zeit bin ich auf dieser Achse gereist.»

Vor der Matur aus Aarau abgehauen

Spätestens nach dieser Kurzbeschreibung merkt man: Über die Biografie von Walter Labhart weiss man wenig. Was hat er nach der Matur gemacht? Wo hat er Musik studiert? Seine Antwort ist so überraschend wie klar: «Ich habe keine Matur gemacht, ich bin kurz vorher abgehauen.» Er habe bei Pfirsichbauern in Südfrankreich gearbeitet, nach der Saison bei einem Förster im Aargau, dann als Handlanger auf dem Bau. «Dort habe ich die Realität kennen gelernt – und woher das Geld kommt», sagt Labhart. Es sind Episoden, die nicht zum hochgebildeten Menschen passen wollen.

Geboren wurde Walter Labhart in Buchs bei Aarau, seine Mutter war Geigerin, Stimmführerin in einem Orchester. Er lernte Klavier zu spielen. Aber vor allem zu zeichnen und zu malen. «Ich war Privat-Schüler bei Werner Holenstein und habe einige hundert Aquarelle, Zeichnungen und Lithografien auf dem Gewissen.»

Die Vernunft und die Liebe zur Musik hätten dann seinen weiteren Werdegang bestimmt, erzählt Labhart. Bei Musik Hug in Zürich machte er eine Lehre als Musikalien-Sortimenter. Das sei eine Art Buchhändler für Musiknoten. Später arbeitete er in Zürich am Musik-Archiv als Redaktor, «dann holte mich Leo Nadelmann zum Schweizer Fernsehen, um ihm bei den Musik-Produktionen zu assistieren». Fürs Radio machte er Besprechungen für die Sendung «Die neue Schallplatte» und schrieb für Zeitungen.

Wegen Skrjabin russisch gelernt

Das Wissen eignete sich Walter Labhart selber an, las, forschte, reiste. «Vergessen Sie nicht, ich hatte keine Matur, habe nicht Musikwissenschaft studiert. Ich musste nachholen und habe mir alles als Autodidakt angeeignet, alles so fundiert wie möglich.» Der Schweizer Komponist Arthur Honegger habe ihn als einer der ersten fasziniert: «Sein Werk, sein Pariser Umfeld, seine Wirkung.» Das Pendant in Moskau sei Alexander Skrjabin gewesen: «Der hat mich dermassen fasziniert, dass ich wegen ihm russisch gelernt habe. Ich durfte gar auf seinem Flügel, im Skrjabin-Wohnmuseum spielen. Das war eine Sternstunde.» Sein musikalisches Feld wurde grösser, die Kenntnisse vertiefter, die Reisen intensiver.

Dora ist seine Verbündete

1970 heirateten Dora und Walter Labhart. «Zum Glück haben Dora und ich dieselben Interessen in punkto Musik, Malerei, Architektur, Literatur», sagt Walter Labhart. «Dank ihr und weil sie als Lehrerin über ein regelmässiges Einkommen verfügte, konnte ich ab 1975 vollkommen freiberuflich arbeiten. Das war die grosse Befreiung.»

Er suchte für sich wie im Auftrag in Antiquariaten in ganz Europa systematisch nach Noten und Handschriften. Unglaubliche Mengen lagert er heute in seinem Archiv, akkurat geordnet nach Ländern, nach Namen, nach Vorlieben.

Woher kommt diese Mission, von der Musikgeschichte Vergessene aufzuspüren? «Es mag pathetisch klingen», sagt Labhart, «aber ich wollte etwas Alternatives zum üblichen Konzertbetrieb machen, in dem nur die immergleichen grossen Namen zelebriert werden.» Man könne auch anders programmieren: «Die Vorläufer oder die Zeitgenossen hörbar machen. Jene die aus soziologischen, ethnischen oder politischen Gründen verdrängt worden sind.»

Ihn interessiert vor allem die Zeit der Moderne. «Im frühen 20. Jahrhundert sind die entscheidenden Umbrüche und Aufbrüche passiert», erklärt er. «Künstler und Musikerinnen suchten eine neue Welt, eine neue Gesellschaft.»

Über vierzig Neu-Ausgaben von Noten hat er editiert und kommentiert. Vor uns liegt eine Langspielplatte mit Klavierkonzerten von Komponistinnen, die er 1979 herausgebracht hat. Das war eine Pioniertat. Und sehr teuer. Wie kam der Aargauer Labhart dazu? Und erst noch in New York? «Ich hatte das Glück, dass ich schon früh international vernetzt war, viele Musikerinnen und Musiker gekannt und sie beraten habe. So kamen sie zu einem speziellen Repertoire.» Durch die Besprechungen habe er Verleger kennen gelernt, ihnen im Gegenzug Unbekanntes zur Einspielung empfohlen und oft selber programmiert.

Bespitzelt? Nur in der Schweiz

Dazu hat er Ausstellungen organisiert und für Zeitungen geschrieben: von Klassik bis zum Schlager, von Kunst bis zum Schuh-Design. «Mich interessiert Design, weil es die ästhetische Entwicklungen spiegelt», erklärt er. In Tschechien programmierte er Musikfestivals, in Warschau und Moskau hielt er Vorträge. Zu Sowjetzeiten habe er einfach in Gruppen reisen müssen, oft mit dem Studentenreisedienst. Ist er danach in der Schweiz in einer Fiche gelandet? «Ja, seitenweise! Alle Reisen, alle Treffen wurden notiert. Nur der Name des Informanten war unkenntlich gemacht.» Es habe ihn schon erstaunt, dass in der Schweiz so etwas möglich war. «Im Ostblock selber hatte ich nie das Gefühl gehabt, verfolgt oder beschattet zu werden.» Im Gegenteil: Walter Labhart wurde in Tschechien mehrfach ausgezeichnet, mit der Mahler- und der Janáček-Medaille.

Nun folgt also morgen der erste Anerkennungspreis in der Schweiz, im Aargau. «Es ist eine Genugtuung, dass auch hier meine Arbeit geschätzt wird», sagt Walter Labhart. Auch in der hiesigen Musikgeschichte hat er Unbekanntes aufgestöbert und geholfen, es auf CDs und mit Ausstellungen zugänglich zu machen.

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