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Ein Autor ohne Angst vor Abgründen

Der Luzerner Niko Stoifberg (42) hat einen Albtraum in seinen Debütroman «Dort» verwandelt. Sein Protagonist tut etwas extrem Böses. Stoifberg faszinieren die menschlichen Schattenseiten. Und die heimische Landschaft.
Céline Graf
Glaubt nicht an den freien Willen: Niko Stoifberg im Café de Ville in Luzern. (Bild: Boris Bürgisser, 14. Februar 2019)

Glaubt nicht an den freien Willen: Niko Stoifberg im Café de Ville in Luzern. (Bild: Boris Bürgisser, 14. Februar 2019)

Als Kind machte Niko Stoifberg gern verbotene Sachen. «Gefährlich wurde das aber nie. Erst später einmal, als Erwachsener», sagt der Autor. Während er im Luzerner Café de Ville von seiner, wie er sagt, «behüteten Kindheit» in Emmenbrücke erzählt, kommt der Cappuccino der Interviewerin. Wie von Geisterhand wandert die kleine Schokolade von der Untertasse in Stoifbergs Mund. Als ihm das bewusst wird, schaut er entsetzt herüber, entschuldigt sich und springt auf, um an der Bar Ersatz zu holen.

Der perfekte Beweis für eine Überzeugung, die er im Verlauf des Gesprächs äussert: «Ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen freien Willen gibt.» Wir seien ein Produkt aus zwei Faktoren, nämlich Erbgut und Erfahrungen. «Und für beides können wir nichts». Dass die Menschen dennoch so handeln, als gäbe etwas wie Eigenverantwortung, sei nötig. Sonst setze das einen Anreiz zum gegenteiligen Verhalten.

Für Kunden Bücher zusammenfassen

Niko Stoifberg ist ein Denker und Vielleser, getrieben von Neugier. Der studierte Anglist und Germanist hat als Werber, Weinhändler und Journalist gejobbt, bevor er vor elf Jahren Redaktor bei der Luzerner Firma getAbstract wurde. Inzwischen leitet er die englischsprachige Redaktion des Unternehmens, das für Kunden weltweit Bücher zusammenfasst.

Gedanken auf ihre Substanz eingedampft hat Stoifberg auch in seiner Minikolumne «Ver­mutungen» im «Kulturmagazin 041». «Selbstekel ist eine Grundvoraussetzung für gute Literatur», schrieb er etwa. Oder: «Im Innern ist es immer dunkler.» Oder: «Jeder will verstanden werden, niemand durchschaut.»

All das trifft auch auf seinen ersten Roman «Dort» zu, den er diese Woche im Neubad vorstellt (siehe Box). «Ich kann nicht fragwürdige Seiten an literarischen Figuren beschreiben, ohne sie an mir selbst zu erkennen», so der Autor. So böse handeln wie Protagonist Sebi würde er aber nie können. Jener stösst ein Kind in den See, um dessen Begleiterin als Retter zu beeindrucken. Doch das Kind ertrinkt. Sebi erobert zwar die nichts ahnende Lydia, schleppt nun aber das schlimme Geheimnis mit, das sich kaum verdrängen lässt. Durch fami­liäre Verstrickungen landet er in der zweiten Hälfte des Buchs an einem seltsamen Ort, zwischen schroffen Felsen hoch über dem verhängnisvollen Gewässer.

Er erinnerte sich genau an einen Albtraum

Der Roman basiert auf einem Albtraum, den Stoifberg 1999 hatte. «Ich konnte mich am Morgen an alles genau erinnern, was selten vorkommt.» Er machte Notizen, die zum Gerüst für die Geschichte wurden. Sie spielt ebenfalls 1999 und ist, quasi wie der Traum, aus Sicht der Hauptfigur erzählt. «Es war fast wie eine Auftragsarbeit», sagt er. Das Schreiben sei ihm darum deutlich leichter gefallen. Auch im Café de Ville, mit Blick auf den See, hat er ab und zu am Plot gearbeitet.

Nicht zufällig erinnern die Landschaften, Wetterumschwünge und touristischen ­Jugendstilbauten, die in der Geschichte eine grosse Rolle spielen, an Luzern. Vor allem in die Berge zieht es ihn, der 1976 im Entlebuch geboren ist, oft zum Wandern oder Skifahren. «Der Bürgenstock hat mich immer fasziniert. Diese Steilwand, die direkt ins Wasser geht.»

Stoifberg hat keine Berührungsängste mit Ungewissem, Schattenseiten, sucht sie bisweilen gar. So fuhr er als 20-Jähriger nach einer Party in einer Waldhütte, an der halluzinogene Drogen konsumiert wurden, allein mit dem Auto heim. Auf halbem Weg stieg er aus und versuchte, die Bäume zu verscheuchen, die immer näher zu kommen schienen. «Das war natürlich gefährlich und dumm», sagt er mit einem schuldbewussten Lachen.

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