Film «Christopher Robin»: Winnie Pu ist ein Bär fürs Leben

In «Christopher Robin» spinnt Marc Forster die Geschichte um den Kinderbuch-Bären Pu munter weiter. Als herzerwärmend-moralische Mär, die Kinder und Erwachsene auffordert, sich selber treu zu bleiben.

Irene Genhart
Drucken
Teilen
Christopher Robin (Ewan McGregor) beim Wiedersehen mit seinem Kindheitsfreund Winnie Pu. (Bild: Laurie Sparham)

Christopher Robin (Ewan McGregor) beim Wiedersehen mit seinem Kindheitsfreund Winnie Pu. (Bild: Laurie Sparham)

Sofern sie nicht Peter Pan heissen, ist Kindern für gewöhnlich beschieden, erwachsen zu werden. Auch wenn sie aus Büchern stammen. So auch Christopher Robin im gleichnamigen Film von Marc Forster, einer losen Weiterführung der Geschichten, die A. A. Milne in seinen welt­bekannten Kinderbüchern um Winnie-the-Pooh (Pu den Bären) erzählt. Die ersten Minuten gehören zu den schönsten des ganzen Filmes. Bevor er ins Internat geht, verabschiedet sich Christopher Robin im Hundertmorgenwald hinter dem Haus seiner ­Eltern bei einem Festschmaus von seinen Freunden: dem Bären Pu, Oile, Ferkel, Tigger, Kanga, Ruh und I-Aah. Sie nie zu vergessen verspricht er und bald wiederzukommen.

Doch dann geht es in Forsters Film zackig weiter: Binnen weniger Minuten ist Christopher erwachsen. Er hat Evelyn kennen gelernt und geheiratet, ihre Tochter Madeline kam zur Welt und steckt selber nun bereits im Schulkinderalter. Christopher arbeitet in verantwortungsvoller Position in der Gepäckfirma «Winslow Luggage». Deren Geschäfte allerdings sind nach dem Krieg eingebrochen. Und so muss Christopher, statt wie versprochen mit Gattin und Tochter ins Landhaus seiner Eltern zu fahren, übers Weekend ein Konzept erarbeiten, um 25 Prozent Umsatzeinbusse wettzumachen.

Tricktechnisch auf höchstem Niveau

Auch im Hundertmorgenwald ist es mit der Idylle vorbei. Nach jahrelang vergeblichem Warten hat man die Hoffnung auf ein Wiedersehen aufgegeben, die Freunde haben sich aus den Augen verloren. Nachdem Pu eines Tages seine allerletzte Honigreserve weggeschleckt hat, begibt er sich verzweifelt zum Baum, durch den Robin jeweils kam – und findet sich unverhofft im Park vor Christophers Haus in London wieder.

Das ist clever gedacht und hübsch gemacht; realtricktechnisch bewegt sich «Christoph ­Robin» mit seinen sprechenden (Plüsch)-Tieren auf höchstem Niveau. Der Zusammenprall von Fantasywelt und Wirklichkeit sorgt dabei für manch witzige ­Situation: Ein sprechender Plüschbär ist mitten im hektischen London so ungewöhnlich wie ein Mann, der sich ernsthaft mit diesem unterhält. Selbstverständlich muss Pu nun schnellstmöglich zurück in den Hundertmorgenwald, und weil er das ­allein nicht schafft, muss Christopher ihn begleiten.

Dem Film fehlt es letztlich an Schwung

Man hätte viel machen können aus dieser Story, die letztlich davon handelt, dass man sich selber treu bleiben soll und Müssiggang nicht aller Laster Anfang ist, sondern eine Quelle des Wohlergehens und der kreativen Inspiration. Tatsächlich gelingt Marc Forster, der schon in «Finding Neverland» Märchenwelt und Wirklichkeit souverän durcheinanderquirlte, dies auch hier. Er spielt mit aus Milnes Büchern ­bekannten Versatzstücken: dem roten Ballon, I-Aahs lockerem Schwanz, Pus tollpatschiger Naschhaftigkeit, den kalauernden Sprachspielereien. Auch macht sich Ewan McGregor gut in der Rolle von Christopher Robin.

Doch irgendwie fehlt diesem Film der Schwung. Zwischendurch findet er zwar zu herzerwärmenden Szenen – etwa in den Begegnungen von Christopher und Madeline, welche die Enttäuschung über ihren oft abwesenden Vater immer wieder tapfer herunterschluckt. Langweilig ist der Film nicht, aber bis er im letzten Drittel mit einer irrwitzigen Verfolgungsjagd an Tempo aufnimmt langwierig. Vor allem aber ist er seltsam ziellos: nicht wirklich für Kinder gemacht, auch nicht für Erwachsene, obwohl wie die meisten Disneyfilme offensichtlich für die ganze Familie gedacht. Man hätte von Marc Forster Mutigeres, Frecheres, vor allem Tiefgründigeres erwartet.