Künstler-Porträt Sara Gassmann:
«Ein Bild soll etwas zurückgeben»

Sara Gassmann vergleicht ihre Bilder gerne mit Gedichten. Und sie sieht im Unperfekten den perfekten Zugang.

Susanne Holz
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Künstlerin und Preisträgerin Sara Gassmann mit einer Serie («August 2019») ihrer Bilder.

Künstlerin und Preisträgerin Sara Gassmann mit einer Serie («August 2019») ihrer Bilder.

Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 30. Januar 2020)

«Was ist Abstraktion?» Diese Frage steht unter anderem im Zentrum von Sara Gassmanns Kunst. Die 39-jährige, freischaffende Künstlerin sagt: «Mich interessiert es, gegenständliche Formen abstrakt werden zu lassen. Lineares soll dabei aber nicht dominieren – ich möchte meine Bilder eher mit Gedichten vergleichen, bei denen gewisse Fragmente immer wieder auftauchen.»

Das Malen an sich, die Entstehung von Transparenz und die unterschiedlichen Techniken des Malens sind zudem ein Hauptaugenmerk von Sara Gassmann. Gassmann, 1980 in Sursee geboren und in Dagmersellen aufgewachsen, wurde vor wenigen Monaten der «Preis der Zentralschweizer Kantone 2019» zugesprochen. Eines der vier Werke Sara Gassmanns, die derzeit im Kunstmuseum Luzern im Rahmen der «Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen» zu sehen sind, hat der Kanton Luzern erworben. Zudem beinhaltet der Preis einen Ankauf für die Museumssammlung.

Sara Gassmanns Serie «August 2019» besteht aus vier verschieden grossen Bildern, die in Acryl und Tusche auf Leinwand gemalt sind. Abstrakt, die Farben leuchten und überlagern sich. Manches erscheint dann so transparent wie es die mit speziellen Filtern geschaffenen Fensterinstallationen der vielseitigen Künstlerin sind, die auch mit Keramik, Glas oder Filz arbeitet und sowohl malt als auch mit ihren Installationen ganze Räume bespielt.

Temporäre Heimaten

2019 befand die preisgebende Jury: «Die Künstlerin stellt Themen der Abstraktion, der Transparenz, der Farbe und des Formats gleichberechtigt ins Zentrum ihrer Malerei.» So ist es auch Absicht, dass sich in Sara Gassmanns Serie im Kunstmuseum zwei kleinere und zwei grössere Bilder zueinander gesellen: «Ich finde es spannend, unterschiedliche Formate zusammenzubringen.» In Gassmanns Kunst geht es zudem um Übergänge, wie sie etwa in den Farbverläufen zu finden sind.

Übergänge sind auch ein Thema im Leben von Sara Gassmann. Zwar fühlte sich die Zentralschweizerin schon als Primarschülerin von Grafik angezogen, doch zur freien Kunst kam sie nach Lehrerseminar und Politologiestudium. Das Lehrerseminar besuchte sie vor allem auch der musischen Ausbildung wegen. Ihm verdankt sie aber bis heute eine gewisse finanzielle Sicherheit: Immer wieder übernimmt Gassmann Stellvertretungen als Heilpädagogin oder Sekundarschullehrerin.

Sara Gassmann mag es, zwischen fachlichen wie räumlichen Gebieten zu wechseln. Sich temporäre Heimaten zu schaffen, die Freiheit geben und inspirieren. Studierte sie Politologie in Bern und Bologna, so machte sie ihren Bachelor in freier Kunst 2011 in Genf, den Master in «Contemporary Art Practice» sodann 2013 an der Hochschule der Künste in Bern.

Seit 2013 ist Sara Gassmann freischaffende Künstlerin, seit 2014 lebt sie in Basel, wohin sie hauptsächlich eines tollen Ateliers wegen zog. Die Künstlerszene nicht zu vergessen. Atelieraufenthalte führen Gassmann an Orte in aller Welt: New York, China, Südkorea. Bald soll es nach Japan gehen.

«Ein Bild soll nicht nur Deko sein»

«Ich setze mich oft Übergängen aus», sagt Sara Gassmann. Die Rhythmen im Leben entsprechen den Rhythmen in ihren Bildern. Fragmente, die aufscheinen, mal hier, mal dort. «Ein Bild soll Spannung in sich haben», erklärt Gassmann eines ihrer Ideale. «Tiefe, die durch Schichtung entsteht», ist ein weiteres Ideal. «Ich möchte ein Bild länger anschauen können», so die Künstlerin, «es soll mir etwas zurückgeben, Schwingungen erzeugen, und nicht nur Deko sein.» Unperfekt sei auch gut: «Das verschafft sogar einen einfacheren Zugang. Das Leben ist ja auch nie perfekt.»

Sara Gassmann arbeitet oft an einigen Bildern zugleich: «Manchmal braucht es fünf Bilder, damit ein sechstes entsteht – und dieses Bild ist es dann.» Sie erklärt, prozessorientiert zu arbeiten, «im Dialog mit dem Bild». Und weiter: «Das Bild lenkt mich, manchmal auch ganz plötzlich in eine andere Richtung.» Abstraktion ist eben auch intuitiv.

Hinweis

Sara Gassmann erhielt gerade den mit 12000 Franken und einem Ankauf für die Sammlung des Museums dotierten «Preis der Zentralschweizer Kantone 2019». Werke von ihr sind noch bis 9. 2. im Kunstmuseum Luzern zu sehen, in der «Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen». www.kunstmuseumluzern.ch; www.saragassmann.ch