Ehe, Trennung und die Zeit danach: Rachel Cusk ist brutal ehrlich - nicht nur mit sich selbst

Die englische Autorin Rachel Cusk stellt in ihrem persönlichen Buch «Danach. Über Ehe und Trennung» unbequeme, aber wichtige Fragen. Nicht nur an sich selber.

Bernadette Conrad
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Rachel Cusk bei der Verleihung des 2016 Baileys Women's Prize for Fiction 2016 in London.

Rachel Cusk bei der Verleihung des 2016 Baileys Women's Prize for Fiction 2016 in London.

John Phillips / Getty Images Europe

Ein Kernsatz: «Die Welt entwickelt sich ständig weiter, während die Familie versucht, dieselbe zu bleiben. Sie ist auf den neuesten Stand gebracht, renoviert und modernisiert, aber im Grunde unverändert. Ein Haus in einer Landschaft, genauso Zuflucht wie Gefängnis.»

Längst ist Rachel Cusk auch im deutschsprachigen Raum bekannt als tiefgründige Erzählerin weiblicher Lebenswirklichkeiten im 21. Jahrhundert. In ihrer bedeutenden Roman-Trilogie «Outline», «Transit» und «Kudos» wusste die englische Autorin den begegnungs- und kommunikationsintensiven Alltag einer Schriftstellerin und Mutter so zu vermitteln, dass man mitunter die Abgründigkeit der griechischen Tragödie unter dem vermeintlich «Normalen» klaffen sah.

Das Zerbrechen der Familie

Es brauchte offensichtlich den Erfolg im Fiktionalen, bevor zwei ihrer früheren Bücher ins Deutsche übersetzt wurden. In «A Life’s Work» (2001) und «Aftermath» (2012) sagt Rachel Cusk unverstellt «ich», wenn sie sich autobiografisch mit den Erfahrungen von Mutterschaft, Trennung und Alleinerziehen auseinandersetzt.

In «Danach. Über Ehe und Trennung» ist es die Erfahrung vom Zerbrechen der klassischen Familie, der Cusk erzählend und in einer Art intellektuellen Meditation nachgeht: Was bedeutet dies Zerbrechen seelisch und gesellschaftlich? Wie geht das Leben «danach», alleinerziehend mit zwei halbwüchsigen Töchtern? Schonungslos berichtet sie von völliger Orientierungslosigkeit, in der alles verloren scheint – Musik hören und Gedichte lesen, Kunst oder Fotos geniessen, alte Orte besuchen. Reisen mit den Kindern enden ebenso im Desaster wie das Verhältnis zu einem Untermieter. Die Lähmung erstreckt sich bis hin zur Unfähigkeit zu essen.

Der Verlust bringt eine neue Sicht auf die Liebe

Kraftvoll sind diese Schilderungen, weil Cusk sie als archaische Unausweichlichkeit erzählt. Ein «Zurück» existiert nicht. Aber es geht nie um Jammern oder Zögern, sondern um das beinharte Betrauern von Verlust und um die durchaus schreckensvolle Reise in neues Land. Eine Reise, auf der sich ihr Blick auf gesellschaftliche und ideologische Imperative ändert; auf die sicheren Institutionen Ehe und Familie; auf den autoritären Begriff von Liebe. Da sind die alten Eheleute in der Verwandtschaft, die «im hohen Alter (erkennen), dass sie wegen einander nicht gelebt» haben: Jeden empfundenen Frust haben sie dem Ehepartner aufgebürdet, statt nach dem «richtigen Leben» für sich zu suchen. Und da sind die alten Bücher und Geschichten – die Bibel etwa, in der Gott Abrahams Loyalität testet, indem er von ihm den – im letzten Moment verhinderten – Mord am eigenen Kind verlangt. Cusk kommentiert: «Ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie Abraham und Isaak danach schweigend den Berg hinuntergehen und die Geschichte ihrer Liebe in Trümmern liegt.»

Meisterin der menschlichen Tragik

Wie es Rachel Cusk mit «Danach» ein weiteres Mal gelingt, existenzielle Phasen des Lebens auf darunter liegende archaische Muster hin lesbar zu machen; wie sie die tragische menschliche Sucht nach Abhängigkeit und die Verweigerung persönlicher Entwicklung beschreibt – das ist wieder gedanklich wie literarisch grossartig.

zvg

Dass sie – wie schon 2012 – immer noch dafür gescholten wird, die Hausmannrolle ihres Ex-Mannes nicht expliziter zu würdigen, zeigt, wie schwer es eine Frau jenseits von Bravheit und gendermässiger Korrektheit immer noch hat. Rachel Cusk ist eine Querdenkerin, eine Autorin der klugen, verstörenden Fragen. Die selbstkritische Frage, was sie dazu gebracht habe, «ihr Zuhause zu zerstören», treibt sie um – sicher ist für sie nur, dass es unvermeidlich war.

Rachel Cusk «Danach. Über Ehe und Trennung». Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp, 187 Seiten.