Ein Denkmal für Jazz-Legende Steve Swallow zum 80. Geburtstag

Gitarren-Gott John Scofield interpretiert Songs aus dem Werkkatalog des Elektro-Bassisten Steve Swallow, seines einstigen Mentors und langjährigen Freundes.

Stefan Künzli
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John Scofield (vorne), Steve Swallow (hinten) und Bill Steward.

John Scofield (vorne), Steve Swallow (hinten) und Bill Steward.

Bild: ECM

Es war in den frühen 1970er-Jahren in Boston, am Berklee College of Music, als sie sich zum ersten Mal begegneten: Gitarren-Student John Scofield und Steve Swallow, Professor für Elektro-Bass. «Er dachte wohl, dass ich Potenzial habe», sagt der Gitarrist heute, denn die beiden begannen damals, miteinander zu jammen. Der elf Jahre ältere Swallow wurde zum Mentor des Gitarristen, dann zum langjährigen Freund und musikalischen Partner.

Heute gehören der 68-jährige Scofield und der bald 80-jährige Swallow längst zu den Besten ihres Fachs, sind lebende Legenden mit hoch entwickelten Individualstilen. Doch die beiden können immer noch nicht voneinander lassen. «Swallow Tales» heisst das neue, famose Album, das der Bandleader Scofield seinem Lehrmeister und musikalischen Partner widmet. Der Gitarrist interpretiert dabei ausschliesslich Songs und Kompositionen aus dem Werkkatalog von Steve Swallow und setzt dem Bassisten damit ein würdiges Denkmal.

Fast unheimliche Selbstverständlichkeit

So sind die aktuellen Aufnahmen zwar an einem Tag eingespielt, aber fast eine halbe Dekade lang vorbereitet worden. Nach all den Jahren verbindet die beiden eine fast unheimliche Vertrautheit und Selbstverständlichkeit. Es besteht eine Seelenverwandtschaft von zwei begnadeten Melodikern. Nicht von ungefähr orientieren sich beide Saitenkünstler immer wieder am menschlichen ­Gesang. «Manchmal», so schwärmt Scofield, «sind wir so im Einklang, dass wir wie eine einzige grosse Gitarre klingen».

Bekannt geworden ist der Gitarrist in den groovenden Bands von Billy Cobham und Miles Davis. Hier pflegt er im Trio mit Swallow und Schlagzeuger Bill Steward, ebenfalls ein langjähriger Begleiter, aber eine kammermusikalische Kunst. Lässig, entspannt und unangestrengt singen die drei Meister das Lied des unspektakulär Spektakulären und der souveränen Beiläufigkeit. «Der Versuch, zu interessant zu sein, ist der Fluch des Jazz», sagt Scofield im Magazin «Jazzthing». Doch in den minimalistischen, fast kinderliedartigen Songs von Swallow stimmt die Balance. Scofields Gitarre jauchzt, Swallows E-Bass hüpft vor Freude. Und wir verneigen uns.

John Scofield: Swallow Tales (ECM/Universal).