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Fumetto: Ein eloquenter Delinquent als Luzerner Comic

Der Luzerner Comicschöpfer und Illustrator Melk Thalmann schildert in seiner neuen Graphic Novel «Gatti» einen aussergewöhnlichen Mordfall.
Hans Keller
Ungesunde Farben und den Drive amerikanischer Splattercomics prägen Melk Thalmanns Graphic Novel «Gatti». (Bild: PD)

Ungesunde Farben und den Drive amerikanischer Splattercomics prägen Melk Thalmanns Graphic Novel «Gatti». (Bild: PD)

Wir schreiben das Jahr 1891. In Luzern sorgt ein haarsträubender Mordfall für Furore und erhitzt die Gemüter. Nach absolut verwirrlichen Nachforschungen, Untersuchungen, Zeugenaussagen und Recherchen, die lange Zeit auf Irrpfade und Holzwege führen, wird das relativ grosse Haupt des mutmasslichen Mörders, eines Italieners namens Ferdinand Gatti, 1892 durch die Guillotine vom schmächtigen Rumpf getrennt. Luzern hatte 1883 nach zwischenzeitlicher Abschaffung die Todesstrafe wieder eingeführt und dieser Gatti war deren erstes Opfer.

«Gatti» gehört zu jenen Kriminalfällen, die das Leben schreibt und die nicht erfunden werden können. Melk Thalmann ist anlässlich einer Luzerner «Tatort»-Ausstellung auf den Fall Gatti gestossen, dessen realer Schauplatz das Luzern der Gründerzeit war. Die Mordgeschichte zog den Comicschöpfer Thalmann nicht zuletzt wegen ihrer Ungereimtheiten, Verwicklungen und Absurditäten schnell einmal in den Bann.

Zähnebleckende Bestie

Die entstandene Graphic Novel würde wohl kein ostasiatischer Tourist als Luzerner Souvenir mit nach Hause nehmen wollen, denn in Thalmanns «Gatti»-Luzern erheben sich keine von der Morgensonne rosa beschienenen Bergwände in den blauen Himmel, während unten auf der glasklaren Reuss Schwäne dahingleiten. Ganz im Gegenteil: bei Thalmann dräut das Luzerner Firmament gelegentlich als zähnebleckende Bestie. Das «Gatti»-Luzern ist fast durchgängig in ein ungesund winterliches Grün-Gelb-Grau-Blau getaucht, und es treiben dicke Schneeflocken über die Seiten. Eine Art Prä-Erst-Weltkriegsstimmung, die einen beim Lesen frösteln lässt.

Schneeflocken fallen auch auf eine düstere Waldlichtung, über welche Gestalten in dunklen Mänteln stapfen. Der alte Mann, der voraushastet, bleibt vor einem Etwas im Schnee stehen und stösst ein hysterisches «Margrithli, Liebes, nein...!» aus. Man hat die Leiche seiner vermissten Tochter gefunden. Erdrosselt, ohne Mantel und Hut. Später, nach genauer Untersuchung der Leiche, wird auch Notzucht festgestellt.

Die Polizei tappt zunächst im Dunkeln, man spricht gar von einem Luzerner «Jack The Ripper». Doch dann zieht sich bald einmal die Schlinge um einen mehrfach vorbestraften italienischen Tagedieb und Herumtreiber immer enger zu. Nach und nach tauchen Gegenstände und Kleidungsstücke auf, die mit der Tat zu tun haben könnten. Etwa ein schwarzer Hut, den ein paar Kids beim Schlitteln finden und der praktisch identisch mit jenem ist, den Gatti getragen hat.

Sozialer Underdog

Augenzeugen berichten, sie hätten in der Gegend der Tat eine kurlige Gestalt vorbeihasten gesehen, eine Alte mit Hut und im Mantel. Da der Leiche von Margrith Degen just diese Accessoires fehlten, geht die Polizei davon aus, dass Gatti sich bei der Flucht damit tarnte.

Es existiert denn auch ein schrilles Foto des Luzerner Justizdepartements, das Gatti mit Hut und im Mantel der Ermordeten zeigt. Indizien und Zeugenaussagen belasten den kleinen Italiener zwar immer schwerer – aber Vorsicht! Clever und intelligent wie Gatti ist, redet er sich immer wieder geschickt aus den Anschuldigungen heraus. Es ist die zwielichtige Gestalt dieses Gatti, sein sozialer Underdog-Status bei einer beachtlichen Eloquenz, die diesen Fall hoch interessant machen. Für den bürgerlichen Luzerner Mob gilt es natürlich als ausgemacht, dass dieser «Tschingg» die Tat begangen hat. Allerdings tauchen auch Hinweise auf, die den Täter in einem mehrbesseren Milieu orten wollen.

Tatort aus der Vogelperspektive

All das inszeniert Melk Thalmann mit dem Drive amerikanischer Splatter-Comics. Die auf Schweizer Themen angewandten Amerikanismen sind seit langer Zeit sein Markenzeichen – da wütet sozusagen ein Luzerner Frank Miller in der Innerschweiz. In «Gatti» lassen wir uns von den sogenannten Gründerzeithäuserfluchten locken, betrachten aus der Vogelperspektive den Tatort und winterliche Bahnhöfe, während der Tatverdächtige Gatti – wegen eines Fluchtversuches nun an schwere Ketten gelegt – ein ums andere Mal ausufernd daherfabulierend seine Unschuld beteuert.

Gatti gesteht schliesslich den Mord an der Margrith Degen und löst den Fall sozusagen selbst – einen Fall allerdings, der soziale Ungleichheit, fragwürdige Gerechtigkeit und blanken Rassismus zu Tage förderte.

Melk Thalmann: «Gatti», Agromix-Comix, farbig, 48 Seiten, Fr. 25.–.
Im Rahmen des Comicfestivals Fumetto gibt es im Historischen Museum Luzern eine Ausstellung zu «Gatti». Vernissage: heute Mittwoch, 10. April, 18 Uhr.

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