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Ein fantastisch-tiefer Blick in die Seele junger Senegalesinnen

Sie ist jung, Europäerin und Afrikanerin: Mati Diop empfiehlt sich mit «Atlantique» als grosses filmisches Talent mit eigener Handschrift.
Regina Grüter
Ada wird zur Frau: Laiendarstellerin Mame Sané. (Bild: Trigon-Film)

Ada wird zur Frau: Laiendarstellerin Mame Sané. (Bild: Trigon-Film)

Sie machte als «erste Frau afrikanischer Herkunft im Wettbewerb von Cannes» im Frühling 2019 Furore, bevor man «Atlantique», ihren Debütfilm, überhaupt gesehen hatte: die 1982 in Paris als Tochter einer Französin und eines Senegalesen geborene Mati Diop. Sie sehe sich als Pariserin, nicht als Schwarze, konterte sie das unverhoffte Medieninteresse an ihrer Person und gab damit zum Ausdruck, dass die Multikulturalität in die DNA ihrer französischen Heimat eingeschrieben ist.

Mit «Atlantique» gewann sie auf Anhieb den Grossen Preis der Jury, wurde also als «originellster» Beitrag im Wettbewerb ausgezeichnet. Mit «Atlantique» beweist Mati Diop in der Tat «Forschergeist». Der Film ist überraschend und fährt so gar nicht auf vorgelegten Schienen.

Die Entscheidung, Filme zu machen, fiel mit dem Verlangen zusammen, nach ihren Wurzeln zu forschen. Dafür reiste Mati Diop nach rund zehn Jahren erstmals wieder in den Senegal und realisierte 2009 den Kurzfilm «Atlantiques». Anhand des jungen Mannes Serigne erzählte sie beispielhaft vom Exodus übers Meer in eine bessere Zukunft und erkannte in den unzähligen Geschichten, die häufig im Tod endeten, auch eine mythologische Dimension. Diese kam jüngst auch in Filmen wie «La Pirogue» des Senegalesen Moussa Touré oder «Styx» des Österreichers Wolfgang Fischer unterschiedlich zum Ausdruck. Das Meer hat die Kraft, Menschen einfach zu verschlucken.

«Die Lebenden tragen in sich die Verschollenen, die etwas von uns und von ihnen mitgenommen haben, als sie gingen», erklärt Mati Diop in einem Interview. Für ihren ersten Langspielfilm «Atlantique» (ohne s) geht die Regisseurin von derselben Prämisse aus: Junge Männer ohne Perspektive entschliessen sich, nachts in eine Piroge zu steigen und Spanien anzusteuern. Sie wissen um die Risiken. Und sie verabschieden sich nicht. Diop kehrt nun aber den Blickwinkel um. «Atlantique» ist nicht vordergründig politisch oder sozialkritisch, es ist eine Liebesgeschichte. Hauptfigur ist die junge Frau Ada, die mit ihren Freundinnen in der Bar von Dior vergeblich auf ihren Liebsten Suleiman wartet; die arrangierte Ehe mit einem Mann aus gutem Haus scheint unausweichlich.

Brutale Realität verkehrt sich in ihr Gegenteil

Erst wird «Atlantique» zum Krimi. Dann passiert Unerwartetes. Für das erwähnte Gefühl des Verlusts wählte Diop die filmische Form des Fantastischen. In diesem Genre ist alles möglich. So verkehrt sich die brutale Realität in ihr Gegenteil: Die Toten kehren zurück und sorgen für Gerechtigkeit, die unmögliche Liebe wird kurz möglich, und der Suleiman, den Ada in sich trägt, verleiht ihr den Mut, mit der Tradition zu brechen und ihr eigenes Leben zu leben.

«Atlantique» ist ein Film über weibliche Selbstermächtigung mit ganz eigener Atmosphäre. Diops Wurzeln und die Offenheit für Einflüsse aus dem europäischen, US-amerikanischen wie dem afrikanischen Kino fliessen in eine filmische Handschrift, die noch etwas Ambitioniertes hat, aber bereits stark ist. Das nächste Mal wird Mati Diop mit ihrem Namen Aufsehen erregen und nicht mit ihrem Geschlecht oder ihrer Herkunft.

«Atlantique» (F 2019, 106 Min.). Ab heute im Kino.

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