Beim Luzerner Orgelsommer
trampeln Kühe durch die Hofkirche

Stiftsorganist Wolfgang Sieber eröffnete den Luzerner Orgelsommer 2019 mit ungewohnten Klängen.

Gerda Neunhoeffer
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Wolfgang Sieber bei der Arbeit an der Hoforgel. Bild: Pius Amrein (Luzern, 16.7.2019)

Wolfgang Sieber bei der Arbeit an der Hoforgel. Bild: Pius Amrein (Luzern, 16.7.2019)

Im traditionellen Orgelsommer in der Hofkirche treten jedes Jahr hochkarätige Organisten auf. Zum diesjährigen Thema «Artisten und Orgelpaare» werden neben den gewohnten Einzel­rezitals auch Duos zu hören sein, vierhändig und vierfüssig. Die meisten Konzerte finden mit Bildübertragung statt, wobei man via Leinwand den Organisten genau auf Hände und Füsse sehen kann. Das ist eine Besonderheit, die für die Zuhörer spannende Einblicke auf die sonst auf der Empore verborgenen Künstler ermöglicht.

Wolfgang Sieber, Hoforganist seit 25 Jahren, eröffnet die Reihe am Dienstagabend mit Improvisationen und eigenen Kompositionen. Dass er seine Orgel bis in die kleinsten Pfeifen kennt, dass er jede Nuance ausreizen kann und immer wieder unerwartete Klänge zaubert, das hat man schon oft erlebt. Dass er aber jetzt, nach seinem schweren Unfall Ende Februar, ebenso virtuos und vielseitig aufspielen kann wie vorher, grenzt an ein Wunder. Und so heisst auch die erste Improvisation «… aus der Asche».

Ungewöhnliche Orgelkunst der Extraklasse

Da hört man den Herzschlag, gewaltige, beängstigende Akkorde und dunkle Klänge. Dann tönt es wie zaghaftes Fragen hin zu dem Choral «O Haupt voll Blut und Wunden». Da wird es hell, und der Zimbelstern leuchtet über Harmonien, die sich tänzerisch durch alle Register bewegen.

Tänzerisch sind auch andere Stücke, das geht in «Creativ» über ägyptische Themen bis zu akustisch aufreizendem Balkan Brass. Er tanzt mit den Füssen auf den Pedalen und bringt die Hoforgel zum Swingen, er lässt dazu barocke Läufe über alle Manuale sprudeln, und die ganze Kirche scheint in Bewegung zu kommen. Wie bei «To-cow-ta» die Kühe trampeln, unge­rade Schritte vollführen und endlich das Stück in Kirchweihklänge mündet, das ist ungewöhnliche Orgelkunst der Extraklasse.

Sinfonisch gross angelegt ist «White Hall», das Klänge aus dem weissen Konzertsaal des KKL in orchestrale Orgelmusik wandelt. Sieber versteht es meisterlich, Themen von Tschaikowsky, Ravel, Sibelius und anderen Komponisten zu einer Collage zu verwandeln, in der alles neu zusammengefügt wird. In der Uraufführung «Colours of Organ» bringt der Organist die schier unendlichen Möglichkeiten der Hoforgel zu einem tönenden Gang durch 
die Jahrhunderte der Musikgeschichte. Es ist ein faszinierendes Kaleidoskop aus traumhaften Klangfarben, aus dynamischen Grenzgängen und einer meisterhaften Beherrschung der vielen Register.

Als Sieber unter tosendem Applaus nach unten kommt und von seinem Unfall und der Genesung erzählt, da wird noch mal allen klar: «Phönix aus der Asche» dank Musik, unbeugsamem Willen und dem Zuspruch vieler Menschen, für die sich der Organist herzlich bedankt.

Weitere Konzerte bis 17.9.: www.hoforgel-luzern.ch/orgelsommer