Ein Förster verteidigt seinen Wald – im neuen Roman des Zuger Autors Andreas Iten steht die Natur im Mittelpunkt

Der Wald steht im Zentrum des neuen Romans des Zuger Autors Andreas Iten. Darin steckt aber auch viel Psychologie.

Romano Cuonz
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Der Zuger alt Ständerat Andreas Iten hat einen Roman über den Wald und dessen Förster geschrieben.

Der Zuger alt Ständerat Andreas Iten hat einen Roman über den Wald und dessen Förster geschrieben.

Bild: Romano Cuonz

Während zwanzig Jahren – von 1974 bis 1994* – war der heute 84-jährige Psychologe, Politiker und Schriftsteller Andreas Iten im Zuger Regierungsrat, davon acht Jahre als Vorsteher des Forst- und Fischereidepartements. In seiner eigenen Partei, der FDP, ignorierten damals viele das europaweit befürchtete Waldsterben. Nicht so der Unterägerer Politiker. In intensiven Gesprächen mit Fachleuten im Departement erwarb er sich grosses Sachwissen über Waldpflege. Später brachte er dieses auch als Präsident der ständerätlichen Umweltkommission ein.

Heute, gut 20 Jahre danach, vertraut Iten seine profunden Kenntnisse rund um die Waldforschung einem Romanhelden an. Balz Regli heisst die Titelfigur im eben erschienenen Waldroman «Der Förster». Balz kümmert sich im fiktiven Hohentann mit Leidenschaft und grosser Weitsicht um die verschiedenen Baumarten. Gestaltet seinen eigenen Wald nach neusten ökologischen Erkenntnissen. «Ich versuche den Wald, der mir anvertraut ist, zu verändern, er soll naturnah werden», bekennt er gegenüber seinem Freund Kaspar Dobler.

Das Alter Ego des Autors

Doch Dobler, ein neugieriger, begeisterungsfähiger, aber stets auch kritischer Doktor der Psychologie hinterfragt alles und jedes und ist zweifelsohne das Alter Ego des Autors. Er nötigt Balz zum Argumentieren. Und wenn immer der Förster dies tut, werden Leserinnen und Leser mitgerissen. Da spricht einer, der den Wald und seine Kreaturen kennt. «Ich lasse die natürliche Dynamik des Wachstums zu. Wo der enge Fichtenbestand keine Keimlinge von Laubbäumen duldet, greife ich ein. Immer, wenn ich reife Bäume schlage, entsteht eine Art Nest, eine Lücke, die ich mit Laubbäumen besetze», rechtfertigt er als Fachmann sein Tun. Um Altholzinseln kümmert er sich genauso wie um Totholz oder die Gestaltung von lebendigen Waldrändern.

Unübliches Naturverständnis

Zusammen mit dem Waldroman veröffentlicht Andreas Iten auch den Essay «Terrasophie». Dieser ist quasi die philosophische Grundlage des Romans. Im Vorwort postuliert Iten: «Mein Essay möchte als Manifest aufrufen, zu prüfen, ob wir nicht sinnvoller leben könnten, wenn wir uns etwas zurücknehmen und uns der Erde gegenüber demütig und dankbar erweisen.» Da tritt ein erfahrener Politiker entschlossen für einen Gesinnungswandel des Menschen gegenüber der misshandelten Natur ein und ruft in einer Zeit des Umbruchs und des fortschreitenden Klimawandels ins Bewusstsein, dass der Mensch selber Natur ist. Dass er, mit jedem Schaden, den er ihr zufügt, stets auch sich selbst schädigt. Iten warnt: «Sich stolz und mächtig über die Natur zu erheben, wird sich rächen.» Bei der Darstellung seines Anliegens folgt Iten der Gedankenspur des Spaniers Fernando Pessoa. Dieser wünschte sich die Rückkehr der Götter und postulierte ein neues Heidentum. Iten zieht ihn als Zeugen hinzu, geht aber bewusst «Umwege». Dabei trifft er etwa auf Goethe, Ludwig Marcuse oder Michel Serras. Trotz aller Exkurse bleibt sich der Autor treu. Sucht nach seinem eigenen, modernen Heiden, der ein anderes, eher unübliches, sinnliches Verständnis für die Natur hat.

Doch wenn sich Balz unter hohen alten Bäumen hinlegt, wird er zum Träumer. «Der eifrige Vogelgesang mit lauten oder feinen und verhaltenen Klängen hielt Balz gefangen», heisst es da. «Es summte um seine Ohren. Insekten schwirrten herum. Ameisen krabbelten über die Hosenbeine.» Wer mit Balz durch Hohentann streift oder Ausflüge in den paradiesischen Bödmeren-Urwald im Muotathal unternimmt, kommt nicht umhin, die Sorgen des Försters zu teilen. Sein Entsetzen auch: Wenn der Borkenkäfer ganze Baumbestände befällt oder der Orkan Lothar mit brachialer Gewalt zerstört, was er von langer Hand aufgebaut hat. Während solcher Krisen fühlt Balz mit dem Wald. Und Leserinnen und Leser fühlen mit Balz. Verstehen nach und nach, was Doktor Dobler, alias Andreas Iten, seinem Romanhelden mit auf den Weg gibt: «Wie ist das lein, womit wir ringen, wie ist das gross, was mit uns ringt.»

Der Traum vom leblos erstarrten Mann

Wie ein roter Faden zieht sich das oft zwiespältige Verhältnis, das der tüchtige und bedachtsame Förster zu seinen Mitmenschen hat, durch den Roman. Seine erste Ehe scheitert kläglich. Eines Tages träumt er. Sieht, wie ein Mann auf seiner Veranda sitzt. «Der im Stuhl nach hinten lehnende Mann sah weiss aus, als ob er eingeschneit worden wäre», schildert er den Traum später seinem Freund Dobler. Und der deutet: «Du bist scheintot wie der Mann im Traum.» Seine eigentlichen Wünsche, die um das fehlende «Du» kreisten, seine persönlichen Defizite würde Balz vorab verdrängen. Und der Psychologe befürchtet: «Die Folge wird sein, dass du auf die Dauer mit dir nicht in Frieden leben wirst.»

Zuerst sperrt sich Balz gegen alles. Doch dann lässt ihn die lebenslustige Nachbarin Julia in einer verbotenen Beziehung vom Scheintod aufwachen. «Balz und Julia erlebten ihre Begegnungen wie einen gewaltigen Sturm, der ihr Leben zutiefst veränderte», schildert der Autor. Julia aber ist vernünftig genug, die feurige Liebe rechtzeitig zu beenden, und tritt ihren Balz an die naturliebende grüne Schreinerin Anne ab.

Anne liebt Birken und Ahorne, aber auch Eichen und die Eberesche. Und sie spricht mit Balz über den Wald. «Ohne Träume gibt es keine neuen Ziele, und der alte Frust bleibt dir im Nacken sitzen», sagt sie zu Balz. Und weil dieser versteht, was sie meint, kommt der Schluss des Romans überraschend. Die beiden werden entdecken, dass es auch weitab von Hohentann Wälder gibt. Und dass Wald nicht gleich Wald ist.

«Die Coronakrise stellte auch mein Leben um», bekennt der Autor Andreas Iten. Sein Nachdenken aber floss in eine eindrückliche Liebeserklärung an den Wald und an die Natur. Ein beeindruckendes Spätwerk des Zuger Autors, der auch in seinen Tätigkeiten als Präsident der Innerschweizer Schriftsteller, Präsident des Medienausbildungszentrums (MAZ) und Präsident der Eidgenössischen Filmkommission viel für die Kultur getan hat.

Andreas Iten: Der Förster. Ein Waldroman. Erschienen im Bucher-Verlag Hohenems-Vaduz-München-Zürich. Ebenda auch der Essay Terrasophie

Korrekt: In einer ersten Version dieses Textes über Andreas Iten hatte es Ungenauigkeiten: Iten war zwar 20 Jahre in der Zuger Regierung, leitete aber nur acht Jahre das Forstamt. Zudem war er Präsident des MAZ, aber nicht Mitbegründer. (red)