Ein frühes feministisches Meisterwerk: Raffiniert schreibt Sylvia Townsend Warner 1926 ein Plädoyer für die Freiheit alleinstehender Frauen

Es ist ein wiederentdeckter subversiver Feminismus: Auf leisen Pfoten schleicht sich der Roman «Lolly Willowes» aus dem Jahr 1926 an.

Heiko Strech
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Sylvia Townsend Warner.

Sylvia Townsend Warner.

Virago Press / Aargauer Zeitung

Dieser 1926 im englischen Original erschienene und damals äusserst erfolgreiche Roman der Engländerin Sylvia Townsend Warner (1893-1978) kommt wie eine Katze, die freundlich schnurrt, dann aber jäh ihre Krallen ausfährt. Zeit, endlich diesen jetzt neu aufgelegten, von Ann Anders übersetzten, poetisch-subversiven Roman der englischen Feministin zu lesen. Er ist ein grosser Genuss.

Lolly heisst eigentlich Laura. Als fünftes Rad am Familienwagen landet sie bei Bruder James, seiner Frau Caroline und den beiden Töchtern. Wohlig-selbstgefällig leben die Willowes ihren ach so harmonischen Alltag, samt der zu Tante Lolly verniedlichten Laura. Droht der bald Dreissigjährigen die Rolle der «alten Jungfer»? Zumal ihr die testweise zugeführten Gentlemen sehr missfallen.

Raffiniert lässt die Autorin in die Fantastik kippen

Sylvia Townsend Warner - Lolly Willowes

Sylvia Townsend Warner - Lolly Willowes

Zvg / Aargauer Zeitung

Fast liest man sich behaglich hinein in ein englisches Biedermeier vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Fast! Denn die Autorin verbirgt in ihrem Text immer wieder Fallstricke, die einen in jähe Zweifel hineinstolpern lassen: Ist das denn schon alles, als stolze Laura die brave Lolly zu mimen im Schoss einer Familie, deren Mitglieder alle so nett sind – aber zum Teufel nicht mehr!

Raffiniert lässt uns die Autorin bei der Lektüre über Familie Willowes gleich empfinden wie Lolly: Behagen, dann Unbehagen, schliesslich Aufbegehren. Und die Angepasste bricht jäh aus, von London aufs Land ins Dorf Great Mop. Dort wird Lolly endlich wieder Laura, in der Natur, samt Mensch und Tier.

Und abermals raffiniert kippt die Handlung wie selbstverständlich ins Fantastische: Eine Tanznacht der Dörfler wird zum Hexensabbat, Besuch des Teufels inbegriffen. Als «Hexe» ist sie somit die Gegenfrau zur gesellschaftlichen Konvention, diese Rolle fasziniert Laura.

In einem grossen, raffinierten Gespräch mit dem «liebevollen Jägersmann», der als Teufel viel mehr ein Heger als ein Jäger ist, findet sie ganz zur Selbstbestimmung als Frau, gegen alle versteinerten gesellschaftlichen Konventionen.

17 Jahre lang führte die Autorin Sylvia Townsend Warner eine geheime Beziehung zu ihrem viel älteren, verheirateten Musiklehrer. Die Liebe ihres Lebens aber fand sie in der Lyrikerin Valentine Ackland. Warner war in der Kommunistischen Partei frauenemanzipatorisch aktiv, trat später wegen Stalin wieder aus – damals eine «Hexe».

Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes oder der liebevolle Jägersmann. Aus dem Englischen von Ann Anders, Roman, Dörlemann, 272 S.