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Roman: Eine grenzenlose Nabelschau

Schon seit ihrer Kindheit leidet die amerikanische Autorin Daphne Merkin an schweren Depressionen. Darüber hat sie jetzt ein erschreckend offenes Buch geschrieben.
Valeria Heintges
«Ich hatte das Gefühl, in tausend Einzelteile zu zerspringen»: Daphne Merkin. (Bild: PD)

«Ich hatte das Gefühl, in tausend Einzelteile zu zerspringen»: Daphne Merkin. (Bild: PD)

Wochen-, ja monatelang versinkt Daphne Merkin in der Depression, wie sie in ihrem Buch «Mein fremdes Ich» erzählt. Ohnehin ist die Autorin, die unter anderem für den «New Yorker» schreibt, der häusliche Typ, dem jedes Verlassen der eigenen vier Wände wie ein Sicherheitsrisiko erscheint. In den Tagen mit Depression wird gar jede Aktion zur Qual, dreht sich Merkin, «mariniert von der Lake des Selbsthasses», um sich selbst und ihre Selbstmordgedanken. Sie nimmt richtige Medikamentencocktails, «legale Drogen» in immer neuer Zusammensetzung. Mehrfach war sie deswegen in Kliniken, aber an ihren regelmässig wiederkehrenden depressiven Störungen ändert das nicht viel.

Seit frühester Kindheit kennt Merkin die Krankheit. Sie wurde schon im Alter von acht Jahren wegen ständiger Weinkrämpfe behandelt und weist sich noch als Mutter einer erwachsenen Tochter wieder selbst ein. Ihre Depression beschreibt sie als Mangel – als Mangel an Energie, an Kontaktfreudigkeit, an Appetit. Und vor allem – als den immer wiederkehrenden Wunsch, sich umzubringen. Den lassen die Medikamente temporär verschwinden, aber er kommt immer wieder und bemächtigt sich ihrer Gedanken.

Ein schickes, aber liebloses Elternhaus

Depression entsteht, daran will Merkin keinen Zweifel lassen, «durch ein Aufeinandertreffen genetischer Neigungen und entsprechender Umweltbedingungen». Diese Bedingungen wurzeln in der Kindheit. Die verlief bei ihr – von aussen gesehen – am perfekten Ort: einer schicken Wohnung an der New Yorker Park Avenue, inklusive Köchin, Chauffeur und Kindermädchen. Doch Merkin spricht von «einer vergoldeten Fassade» und einer «Landschaft aus Stacheldraht». Die Eltern bekommen sechs Kinder, aber die Mutter der Mutter, Daphnes Grossmutter, sagt über das Paar, es hätte niemals Kinder bekommen sollen. «So etwas wie Liebe, meinte sie, habe es in unserem Haushalt nicht gegeben», heisst es in der zuweilen fahrig wirkenden Übersetzung von Daniel Schreiber.

Der Vater lässt sich von der Mutter verwöhnen, ist aber für die Kinder physisch und psychisch abwesend. Die Mutter gibt nach aussen hin das perfekte Bild ab, aber innen fehlt es an allem: an Essen für die Kinder, an Liebe, an Körperkontakt. Dafür gibt es Strafen, Verunsicherung und eine Atmosphäre der Angst. Als der «New Yorker» Daphnes erste Erzählung drucken will, kommentiert die Mutter das mit «Deine Nase sieht gross aus, wenn du lachst». Eine Bemerkung, die in einem jüdisch-orthodoxen Haushalt noch zerstörerischer ist.

Über den grössten Teil ihres Buches versucht Merkin, sich über ihr Verhältnis zur Mutter klarzuwerden, die mittlerweile gestorben ist und der sie noch immer in inniger Hassliebe verbunden ist. Zeitlebens versucht die Tochter – wie übrigens auch alle ihre Geschwister –, sich Anerkennung zu verdienen. Daraus resultiert ein hoch schizophrenes Verhältnis, geprägt von Abwehr und Groll und der gleichzeitigen Vorstellung, ohne die Mutter nicht leben zu können: «Ich hatte das Gefühl, in tausend Einzelteile zu zerspringen, wenn meine Mutter nicht da wäre, um mich zusammenzuhalten», schreibt Merkin. Und: «Sie war mein Norden, mein Süden, mein Osten und mein Westen.» Eine Lösung findet fast nicht statt, vielmehr bezahlt Merkin Armeen von Psychiatern, um das Verhältnis immer wieder neu zu betrachten, zu diskutieren und zu analysieren.

Daphne Merkin: Mein fremdes Ich. Eine Abrechnung mit der Depression, Suhrkamp, 368 S., Fr. 28.-

Daphne Merkin: Mein fremdes Ich. Eine Abrechnung mit der Depression, Suhrkamp, 368 S., Fr. 28.-

Ein zwiespältiges Lesevergnügen

Merkin ist eine Erzählerin der ehrlichen Sorte. So ehrlich, dass ihre Beschreibungen der eigenen Seelenzustände, der Vergangenheit, der Gegenwart bisweilen ins unangenehm Exhibitionistische schlagen. Damit hat sich Merkin einen Namen gemacht, seit sie über ihre aussergewöhnlichen sexuellen Neigungen in Essays schrieb. «Das fremde Ich» zu lesen, wird auch wegen dieser grenzenlosen Nabelschau, dieses ständigen Sich-um-sich-selbst-Drehens zum zwiespältigen Erlebnis. Man schwankt zwischen Mitleid und Verwunderung – wissend, dass die Weinerlichkeit, die manche Passage durchzieht, Teil der Krankheit ist – und mag es doch gar nicht so genau wissen. Zumal die zahlreichen Referenzen auf andere an Depression erkrankte Menschen nicht weit führen, sondern sich oft in einfachen Kurzzitaten erschöpfen.

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