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Das diesjährige Osterfestival ist ein Jahrmarkt der Glaubensbekenntnisse

Das Lucerne Festival zu Ostern (6. bis 14. April) spielt mit der Dirigentin Emmanuelle Haïm, lokalen Chören und Spitzenorchestern aus Mailand, Perm und München ganz verschiedene Trümpfe aus.
«Artist in Residence»: die Cembalistin und Dirigentin Emmanuelle Haïm.Marianne Rosenstiehl/PD

«Artist in Residence»: die Cembalistin und Dirigentin Emmanuelle Haïm.Marianne Rosenstiehl/PD

Ostern spielt seit jeher eine Sonderrolle unter den drei Festivals von Lucerne Festival. Während das Sommer-Festival in der Zwischensaison und das Piano-Festival durch den Fokus auf Tasteninstrumente konkurrenzlose Solitäre sind, ist das Osterfestival dicht eingewoben in ein Umfeld von Konzerten und kirchlichen Veranstaltungen. Und verändert sich mit diesem Umfeld immer wieder.

Das begann einst damit, dass es eine Woche vorverschoben wurde, weil um Ostern die Kirchen nicht zur Verfügung stehen. Später verweltlichte sich das Osterfestival zusätzlich, als geistliche Konzerte in Kirchen ergänzt wurden durch Sinfoniekonzerte im Konzertsaal des KKL. Auch als sich das Festival wieder stärker auf geistliche Musik besann, behauptete das KKL seinen Vorrang: Das KKL ist für Sponsoren attraktiver, und Alte-Musik-Ensembles sind meist teure Spezialformationen mit Orchester, Chor und Solisten.

Eine Dirigentin in Residence

Anschaulich macht diesen Sachverhalt das einzige Originalklang- ensemble dieses Osterfestivals, das zugleich eines seiner Aushängeschilder ist: das Barockorchester Le Concert d’Astrée unter der Leitung der französischen Dirigentin und Cembalistin Emmanuelle Haïm. Haïm gab ihr Festival-Debüt im Primadonnen-Jahr 2016, wo sie das freie Barockmusizieren «wie in einer Jazz-Band» auf die Wiener Philharmoniker übertrug. Jetzt kehrt sie zurück als Artiste étoile mit zwei Programmen, die die doppelte Ausrichtung des Osterfestivals – weltliche Konzerte im KKL, geistliche Musik in der Kirche – auf den Punkt bringt.

Das erste Konzert führt in der Franziskanerkirche diesen Doppelcharakter im Titel: «Sacro profanum» (geistlich und weltlich) versammelt instrumentale Musik für Kirche und Hof und erinnert daran, dass diese Sphären im Barock gar nicht so scharf getrennt waren. Das welt- liche Gegenstück dazu bildet das Konzert im KKL-Konzertsaal, wo Haïm mit ihrem Orchester die So-pranistin Sandrine Piau und den Countertenor Tim Mead als «Desperate Lovers» in Arien und Duetten von Händel begleitet.

Dass das einzige Barockensemble keine Passion von Johann Sebastian Bach spielt, die zum Kerngeschäft eines Osterfestivals gehört, zeigt, wie sich dieses mit dem Umfeld weiter wandelt. Beide Passionen von Bach erklingen nämlich am Karfreitag im KKL sowie am Osterfestival Andermatt. Andererseits verlegen auch lokale Chöre ihre Konzerte zur Osterzeit eine Woche vor (siehe Seite 9).

Von Händel bis «Sister Act»

Lokale Kräfte bestreiten auch überwiegend die geistlichen Programme in der ersten Hälfte des Festivals. Die prominente Ausnahme sind die Wiener Sängerknaben, die den jugendlichen Drive einbringen, wie man ihn von Jugendorchestern im Sommer kennt. Dazu gehört, dass das Programm von Händel bis zu Musik aus dem Film «Sister Act» reicht und damit das Thema «geistliche Musik» schon im Eröffnungskonzert stark ausweitet.

Der Trend zur Individualisierung der Glaubensbekenntnisse prägt generell dieses Osterfestival. Das Collegium Vocale zu Franziskanern unter der Leitung von Ulrike Grosch zeigt, wie schon im 19. Jahrhundert geistliche Musik persönlicher wurde: mit Motetten von Brahms, biblischen Liedern von Dvorák und einer hochexpressiven Messe von Josef Rheinberger. Die Junge Philharmonie Zentralschweiz und der Akademiechor Luzern lassen unter der Leitung von Howard Arman Geistliches und Weltliches aufeinanderprallen – mit der Mystik des Debussy-Zeitgenossen André Caplet und Armans «Cries of London», die das bunte Treiben auf Londoner Jahrmärkten aufleben lässt.

Internationale Toporchester

Ein bis ins Extreme individualisiertes Glaubensmanifest: Das gilt ohnehin für Giuseppe Verdis «Requiem» und dessen – ausverkaufte – Aufführung unter Teodor Currentzis (Titelbild/PD), die die grossen Sinfoniekonzerte im Konzertsaal eröffnet. Neu ist, dass in diesen explizit geistliche Musik fehlt. Riccardo Chailly präsentiert mit der Philharmonica della Scala gleich zwei Favoriten der russischen Musik – Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert und Mussorgskis «Bilder einer Ausstellung». Erstmals kein geistliches Werk – das gilt auch für die beiden Konzerte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. «Meine Religion ist die Kultur», begründet der ungarische Dirigent Ivan Fischer lapidar, wieso er der Erwartung an geistliche Musik nicht entspricht und dafür Mozart und Bartók in einen spannenden Dialog bringt.

In eine eigene Kategorie fällt das Schlusskonzert des Bayerischen Residenzorchesters: Wenn Altmeister Bernard Haitink (90) Bruckners sechste Sinfonie dirigiert, ist das doch Musik jenseits aller Kategorien, die letzte Glaubensfragen berührt. Was ist geistliche Musik anderes?Urs Mattenberger

Drei Chorkonzerte, zwei Barock-Akzente und fünf Sinfoniekonzerte

Das Osterfestival umfasst neun Konzerte, vier in Luzerner Kirchen und fünf im Konzertsaal des KKL. Geistliche Chorkonzerte Die Wiener Sängerknaben führen im Eröffnungskonzert ihre Spitzentradition, seit 1498 bis heute, weiter: mit einem Programm, das neben Händel oder Mozart einen hinduistischen Gesang und Filmmusik («Sister Act») umfasst (Sa, 6. April, 18.30 Uhr, Jesuitenkirche). Bekenntnismusik aus der Romantik singt das Collegium Vocale zu Franziskanern unter Ulrike Grosch: Nach dem grossen Warum fragen Brahms, Dvorák sowie Josef Rheinberger, der expressiv über puristische Tendenzen der Kirchenmusik hinausging (So, 7. April, 17 Uhr, Franziskanerkirche). Einen Kontrast bieten der Akademiechor Luzern und die Junge Philharmonie Zentralschweiz: Nach einem Rosenkranz-Mysterium, das André Caplet nach dem Ersten Weltkrieg schrieb, dirigiert Howard Arman seine eigenen volksmusikalisch gewürzten «Cries of London» (mit der Mezzosopranistin Marie- Claude Chappuis, Montag, 8. April, 19.30 Uhr, Maihof). Artiste in Residence Die Barock-Musik bleibt damit der Artiste in Residence vorbehalten: Emmanuelle Haïm leitet ihr Concert d’Astrée einmal in Sonaten, Tanzmusik und Choralbearbeitungen von Charpentier bis Bach, deren Feinheiten und Freiheiten in der Franziskanerkirche prächtig zur Geltung kommen (Di, 9. April, 19.30 Uhr). Weltlich ist der zweite Auftritt im KKL, wo Arien und Duette von Händel «Desperate Lovers» und die Kantate um Acis und Galatea eine zeitlose Liebe beschwören (Fr, 12. April, 19.30  Uhr). Starbesetzte Sinfoniekonzerte Österlich sind im Konzert der Filarmonica della Scala nur die Glockenschläge im Grossen Tor von Kiew. Riccardo Chailly dirigiert schon vor Mussorgskis «Bildern einer Ausstellung» einen Greatest Hit der russischen Musik: Tschaikowskys erstes Klavierkonzert mit dem Pianisten Denis Matsuev (Do, 11. April, 19.30 Uhr, Konzertsaal). Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks setzt ebenfalls auf Individualisten statt auf geistliche Musik: Ivan Fischer kombiniert einen vom Rokoko befreiten Mozart (Sinfonien KV 338 und 543), wie ihn schon Béla Bartók propagierte, mit Bartóks erstem Violinkonzert mit der Geigerin Janine Jansen (Sa, 13. April, 18.30 Uhr). Zum 70-jährigen Bestehen des Bayerischen Toporchesters dirigiert Bernard Haitink (90) zwei seiner Leibkomponisten: Till Fellner ist Solist in Mozarts Klavierkonzert KV 503, zum Schluss erklingt Bruckners sechste Sinfonie (So, 14. April, 17 Uhr). (mat)

Samstag, 6., bis Sonntag, 14. April Infos/VV: www.lucernefestival.ch

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