Theater
In Baden gehört sogar das Theater zum Kurort - und der erste Gast ist auch schon da

Hermann Hesse eröffnet Baden als Kurort neu. Das Kurtheater empfängt den Autor mit seinem autobiografischen Baden-Text.

Valeria Heintges
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Die Probebühne wird im Kurtheater zu Hermann Hesses Kurort.

Die Probebühne wird im Kurtheater zu Hermann Hesses Kurort.

T+T Fotografie

Ab 21. November wird Baden wieder Gäste in einem Thermalbad empfangen und damit seinem Namen wieder alle Ehre machen. Ein einzelner Kurgast hat sich schon eingefunden, in der Probebühne des Kurtheaters Baden, das damit ebenfalls seinem Namen wieder Ehre macht. Der Gast ist allerdings ein bisschen eigen, bezeichnet sich selbst völlig zu Recht als «Neurotiker» und als «Psychopathen». Er leidet, an seinen Schmerzen – und an der Badener Kur-Welt. Denn Kurgäste beäugen nicht nur ihr eigenes Wohlbefinden, sondern auch das Verhalten der anderen Kranken sehr genau.

Dieser Kurgast ist ein sehr spezieller Mensch und gewohnt, sich selbst zu beobachten und zu beschreiben: Es ist Hermann Hesse. Gleich zweimal, im Frühling und im Herbst 1923, weilte der Autor, damals noch nicht Nobelpreisträger, in Baden, um sein Ischias-Leiden behandeln zu lassen. Seine Erlebnisse beschrieb er in der Glossen-Sammlung «Kurgast. Aufzeichnungen aus einer Badener Kur».

Mit Selbstironie und entlarvender Selbstdiagnose

Als erste Eigenproduktion in der Saison präsentiert das Kurtheater mit der Dramatisierung des Werks auch seinen Probenraum als neue Spielstätte. Unter der Regie von Johanna Böckli ,in der Ausstattung von Corinne L. Rusch, mit Andreas Storm als Kurgast zeigt sich, wie viele Möglichkeiten der Raum im fünften Stock 48 Gästen bieten kann –, wenn er wie hier geschickt genutzt wird. Zwei spanische Wände lassen sich auch für Schattenspiele beim Arztbesuch verwenden, eine Lichterwand illustriert die Wärmetherapie-Behandlung, eine schmale Liege zeigt wunderbar, wie sich der beengt-bedrängte Gast in schlaflosen Nächten hin- und herwälzt. Und auf der Fensterbank sitzend kann der Depressive hinterm Vorhang fast aus dem Leben verschwinden.

Der ungewöhnliche Auftritt aus dem Lift illustriert, wie der Neuling regelrecht in die Welt der Kranken gespuckt wird und sich sofort mit den anderen vergleicht. Geht es denen besser als mir oder schlechter? Hinken sie mehr als ich oder weniger? Brauchen sie einen Stock wie ich oder zwei, oder sitzen sie sogar im Rollstuhl?

Der Vergleich fällt zunächst trosterweckend aus. Aber es gehört zu den Stärken des Hesse’schen Textes, dass der Kurgast sich immer sofort selbst entlarvt. Auf wunderbar boshafte Schilderungen folgen grossartige Selbstironie und entlarvende Selbstdiagnose. Hesse weiss selbst, dass er ein zuweilen unangenehmer Zeitgenosse ist, etwa wenn er akribisch alle verfügbaren Zimmer auf Unruheherde untersucht und damit dem Hotelpersonal gehörig auf die Nerven geht.

Nervige Zimmernachbarn und ein freundlicher Blick für Baden

Dasselbe gilt, wenn er dann doch merken muss, dass der Nachbar zur Linken, «der Holländer», von dem ihn nur eine Verbindungstür trennt, ein sehr lebhafter Zeitgenosse ist. Der Mann empfängt reichlich Besuch und spricht auch mit seiner Gattin beinahe ununterbrochen. Der Ich-Erzähler weiss genau, dass nicht die Lautstärke des Nachbarn, sondern seine eigene Übersensibilität ihn fast in den Wahnsinn treibt.

Er bezeichnet sich selbst als «manieriert-neurotisch», und genau so gibt Andreas Storm mit sehr feiner Mimik und Gestik ihn auch. Trotzdem gewinnt man ihn in dieser knappen Stunde sehr lieb – trotz seiner Übellaunigkeiten und seiner Schimpfereien. Denn Storms Spiel weckt auch Mitleid, bar jeder Schadenfreude, wenn der Kurgast an heftigen Schmerzen leidet und sich in Baden «völlig verloren» fühlt.

Die Stadt kommt im Text übrigens ganz gut weg, trotz mancher Merkwürdigkeiten vor allem in den Schaufenstern. Sie gefiel wohl auch Hermann Hesse – er soll danach 29 Jahre lang jährlich wiedergekommen sein.

Kurgast: Nächste Vorführungen am 13. und 21. November, Kurtheater Baden.

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