US-Roman erzählt von ewigen Aussenseitern: Moslemische Migranten in den USA

Ayad Akhtars grosser Familien- und Heimat-Roman «Homeland Elegien» über die USA, die für viele Einwanderer verschlossen bleiben.

Peter Henning
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Moslemischen Migrantinnen und Migranten bleibt in Ayad Akhtars Roman in den USA nur die Aussenseiterrolle.

Moslemischen Migrantinnen und Migranten bleibt in Ayad Akhtars Roman in den USA nur die Aussenseiterrolle.

Bild: Jahi Chikwendiu/Getty (Washington DC; 25. April 2018)

Dieser Roman ist mit Blick auf den aktuellen Zustand der USA das Buch der Stunde. Denn es nimmt ein tief gespaltenes Land in den Fokus, das sich die Frage stellen muss, welchen Weg es politisch fortan gehen möchte.

Was das insbesondere für die zahlreichen seit Jahrzehnten in den USA lebenden Einwanderer bedeuten könnte, das hinterfragt der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete, 1970 in New York geborene Dramatiker und Romanautor Akhtar in seinem Buch. Er tut es in Form seiner eigenen, kaum verhüllten Familiengeschichte. In ihr vereinen sich sämtliche herrschende Widersprüche in Trumps waidwundem Amerika. Angefangen bei seiner eigenen, in sich zerrissenen Biografie als Spross einer pakistanischen Familie, die in der Wahlheimat Amerika zu Ansehen und Wohlstand kam und dort doch nie heimisch wurde. Die Eltern – beide Ärzte – boten ihren Kindern eine aussichtsreiche Zukunft, blieben darüber aber im «Land der Freien» immer Stigmatisierte ihrer biografischen Wurzeln. So erzählt Akhtars Roman genau betrachtet die Chronik diverser Niederlagen. Genauer: die einer Familie, die ihr Leben am falschen Ort gelebt hat – und nun den Preis dafür zahlt.

Ayad Akhtar

Ayad Akhtar

Ideale sind nur noch eine ferne Erinnerung

«Ich gehöre zu den Schriftstellern, die Tatsachen verdrehen müssen, um sie desto deutlicher sehen zu können», umriss Akhtar einmal sein poetologisches Programm. «Dieser Neigung bin ich in meinem Roman gefolgt.» Und tatsächlich sieht man dadurch vieles, was er in den Blick nimmt, genauer. Denn das Sammelbecken Amerika, in das die Menschen einst aus aller Herren Länder strömten, hat sich für Akhtar und die Seinen unter Trump in etwas verwandelt, das nur noch von fern an das alte, seine demokratischen Ideale hochleben lassende Amerika erinnert. Man lebt nicht an dem Ort, an dem man sein sollte – und führt nicht das Leben, das man sich einmal erhoffte. So bekennt eine Stimme des Romans einmal stellvertretend für die anderen: «Wir sind jetzt seit zwölf Jahren hier. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber es ist nicht mehr wie früher. Es ist für uns nicht die Heimat, die es mal war.»

So erweist sich sein Buch vor allem als grosser Familien- und Gesellschaftsroman, der die Frage nach dem Ankommen in der Fremde stellt und danach, wie ein dauerhaft haltbarer Heimat-Begriff aussehen könnte. Denn «dieses Amerika ist nicht unsere Heimat. Ganz gleich wie viele Jahre wir hier verbringen. Es wird nie unsere Heimat sein. Und vielleicht bringt das etwas in uns hervor, das nicht hervorgebracht werden sollte.»

«Wir wollen Dein arabisches Blut nicht»

Spätestens am Vormittag des 11. September 2001 muss Ayad Akhtar klar geworden sein, dass er nie als vollwertiger Amerikaner gelten würde. Eben waren die Türme des World Trade Centers eingestürzt, und Akhtar hatte sich zum Blutspenden angestellt, als er einen Mann sagen hört: «Wir wollen Dein arabisches Blut nicht.» Denn obgleich er alles unternimmt, um sich in den USA zu assimilieren, bleibt er doch einer von aussen: ein Fremder im eigenen Geburtsland, in der eigenen Heimat.

So liegt unter all den grossartigen Gedanken, die Akhtar in seinem Buch über das aktuelle Amerika zu formulieren versteht, eine nicht aufzulösende Melancholie. Denn das ist es, was er, der einstige Musterschüler und aktuell künstlerisch Erfolgreiche tagtäglich erlebt: «Irrationale Paranoia, die sich als politischer Durchblick ausgab. Kochende Wut. Offensichtliche Feindseligkeit gegenüber Fremden und Menschen, deren Ansichten nicht mit den eigenen übereinstimmen: Verachtung für Nachbarn aus zuverlässiger Quelle, und eine zur Pose gewordene reaktionäre Moral.» Es ist ein Klima, in dem es unmöglich scheint, dauerhaft zu existieren.

Ayad Akhtar Homeland Elegien. Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Claassen Verlag. 468 S.