Lucerne Festival: Ein magischer Abend mit Dirigent Nézet-Séguin

Das Rotterdam Philharmonic Orchestra krönt sein 100-jähriges Bestehen im KKL mit einem Konzert, das es unter die Spitzenorchester der Welt einreiht. Yefim Bronfman setzt mit Liszt emotionale Akzente.

Gerda Neunhoeffer
Drucken
Teilen
Seit zehn Jahren an der Spitze: Yannick Nézet-Séguin leitet das Rotterdam Philharmonic Orchestra. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Seit zehn Jahren an der Spitze: Yannick Nézet-Séguin leitet das Rotterdam Philharmonic Orchestra. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Da sitzen sie gemeinsam am Flügel und ordnen Noten, bis sie gefunden haben, was die Zugabe nach dem 2. Klavierkonzert von Liszt sein soll: Pianist Yefim Bronfman und Dirigent Yannick Nézet-Séguin spielen vierhändig aus Mendelssohns Liedern ohne Worte das «Venezianische Gondellied». Da wird die Nähe zum Publikum im ausverkauften KKL-Konzertsaal noch greifbarer, als sie schon in Haydns Sinfonie «La passione» war. Es ist ein Abend, in dem man die Zuhörer in der Pause und nach dem Konzert nur in Superlativen schwärmen hört. Ein magischer Abend mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra und seinem Chefdirigenten Nézet-Séguin.

Als Nachfolger von Valerie Gergiev hat der Kanadier das Orchester in zehn Jahren zu einem höchst wandelbaren Klangkörper geformt. Im 100. Jubiläumsjahr können sich die Rotterdamer durchaus mit den Spitzenorchestern der Welt messen. «Es ist eine Ehre, hier zu sein», sagt Nézet-Séguin nach nicht enden wollendem Beifall, Bravorufen und Standing Ovations, «es ist das beste Festival der Welt und der beste Saal.» Und in der sehnsuchtsvoll zarten Zugabe, dem Vorspiel aus Verdis «Traviata», kann man sich vorstellen, wie er als Musikdirektor an der Metropolitan Opera in New York, an die er jetzt wechselt, neue Akzente setzen wird.

Wandel von der kleinen zur grossen Besetzung

Zur Wandelbarkeit gehört, wie hier in Kammermusikbesetzung Haydns Sinfonie f-Moll differenziert, pointiert und mit feinsten dynamischen Kontrasten erklingt. Die Streicher spielen fast ohne Vibrato mit satt-warmem Klang, Oboen und Hörner mischen sich unmerklich ein: Es ist eine Interpretation, die über das gewohnte Haydn-Klangbild hinausgeht.

Das setzt sich in Grossbesetzung bei Liszt fort, das Orchester wird wie an Zauberfäden von Yannick Nézet-Séguin mit klaren, bis ins kleinste Detail verfeinerten Bewegungen geführt. Yefim Bronfman kann sich in jedem Moment der Aufmerksamkeit des Dirigenten gewiss sein, aus der geheimnisvollen Holzbläser-Einleitung entfaltet sich ein Dialog zwischen Solist und Orchester, der sich in weitem Bogen durch das Konzert zieht. Die raschen Wechsel zwischen Tutti und Solo münden in ruhige Wellenbewegungen, in denen sich Solocello und Klavier verweben. Bronfman kostet die silbrig hellen Arpeggien mit Flöte und Oboe aus, er spielt die Akkordkaskaden mit gebündelter Kraft, und virtuos steigert er sich mit dem Orchester in das stürmische Finale.

Tschaikowskis 4. Sinfonie wird unter den Händen des auswendig dirigierenden Nézet-Séguin zu einem Ereignis, in dem das Orchester mit hauchzartem Pianissimo ebenso fasziniert wie mit kraftvollen Fanfaren. Jedes Unisono der Streicher kommt intensiv wie aus einem Instrument. Holz- und Blechbläser überzeugen mit hoher Klangvielfalt, die Pauken führen die unmerkliche Beschleunigung des Walzerthemas wie aus dem Nichts ins Fortissimo. Punktgenau ist das Pizzicato im Scherzo, und wenn nach dem elegischen «Schicksalsthema» die Hörner den fulminanten Schluss einleiten, reisst es die Zuhörer fast von den Sitzen.