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Ein märchenhafter Scheinriese feiert sein Comeback

Der Erzähler und Kurator Willi Tobler streifte als Bub am liebsten im Dorf herum. Gleichwohl hat es ihn in die Schulstube gezogen. Als Lehrer konnte er einbringen, was er ohnehin gern tat: Zeichnen, Schreiben, Singen, Werken. Und eine Geschichte schreiben, in der ein Scheinriese die Hauptrolle spielt.
Bettina Kugler
Als Lehrer schrieb Willi Tobler «Wegwerfgeschichten», viele kamen in Lesebücher. Sein «Karak» ist nun neu aufgelegt zurück. (Bild: Reto Martin)

Als Lehrer schrieb Willi Tobler «Wegwerfgeschichten», viele kamen in Lesebücher. Sein «Karak» ist nun neu aufgelegt zurück. (Bild: Reto Martin)

Als Bub streifte er gern im Dorf herum, zwischen Kirche, Schule und Post. Berufsleute wie Schreiner, Schuhmacher und Schmiede waren noch sichtbar; man konnte ihnen in die Werkstatt schauen oder, im Heimatdorf der Mutter am Hörnlifuss, den Kopf in die Wirtshausküche stecken, das Backen und Brutzeln, den Dampf der Kochtöpfe mit allen Sinnen aufsaugen.

Beim Schreiben ins Fabulieren gekommen

Mehr als sechzig Jahre ist das her. Demnächst wird Willi Tobler, im ländlichen Aargau aufgewachsen, siebzig – doch den Duft von damals hat er noch in der Nase. Er weiss noch, wie man eine Kuh melkt, Holz sägt, die Scheiter akkurat beigt. Gleichwohl hat es ihn in die Schulstube gezogen. Als Lehrer konnte er einbringen, was er ohnehin gern tat: Zeichnen, Schreiben, Singen, Werken.

Auch nach seiner Pensionierung vergeht kaum ein Tag ohne. Darüber hinaus vertieft Tobler sich ins Werk des Malers Adolf Dietrich und leitet das ihm gewidmete Museum in Berlingen. Für die Enkelkinder kommt er gern von Frauenfeld nach St. Gallen, wo seine Tochter als Schauspielerin am Theater arbeitet. Am liebsten hören die Enkel von ihm, wie es früher war, zur Zeit der Sattler, Wagner und Schuhmacher, als Buben sich noch mit Sprengungen in der Kiesgrube vergnügten.

Er könnte ihnen dazu auch «Karak und der Zuckerbäcker» vorlesen, eine Geschichte, die er ursprünglich für seine Erstklässler schrieb: An ihr übten die Kinder die Aussprache der Kehllaute. Beim Schreiben kam Tobler ins Fabulieren, setzte Figuren wie den naschhaften Riesen Karak und den Zuckerbäcker Tschaggomo in eine Märchenwelt, die seiner Kindheitslandschaft ähnelt.

Sein Rülpser lässt das Dorf erzittern

So wurde aus der «Wegwerfgeschichte» ein Lesetext, der sich drei Jahrzehnte lang seine Frische bewahrt hat. Gedruckt wurde er erstmals 1990 im Ravensburger Buchverlag, illustriert von Rotraut Susanne Berner – einer der heute renommiertesten Illustratorinnen in Deutschland.

Auf Vermittlung von Hans ten Doornkaat feiert der wüste Scheinriese, der jeden Herbst auf dem weissen Berg seine Pilzsuppe kocht und mit seinem Rülpser das Dorf erzittern lässt, nun ein Comeback in der Erstleser-Reihe des Frankfurter Moritz-Verlags. Man fürchtet den Wüstling wie eh und je herbei, denn Karak hat eine Schwäche für Süsses. Das holt er sich zum Dessert bei Tschaggomo Doltsche, dem kleinen Italiener. Bis dieser dem Riesen die Stirn bietet und ihn auf überraschende Weise resozialisiert.

Immer ein Skizzenbuch dabei

Die Geschichte ist gespickt mit Motiven aus der Weltliteratur und offen für tiefsinnige Deutungen. Man denkt an Gargantua, Jona im Wal, Pinocchio, das tapfere Schneiderlein – und wünscht sich mehr solcher Texte für Leseanfänger. Die gäbe es, doch Willi Tobler liess vieles in der Schublade. Ein Skizzenbuch hat er immer dabei. Er zeichnet überall, etwa, wenn er auf den Zug wartet – der Toblers Kindheit mit der Gegenwart seiner Enkel verbindet.

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