Ein Nachruf käme noch zu früh: Die legendäre Pestalozzi-Schüleragenda lebt – und macht Mut für die Zukunft

Die Klimajugend müsste frohlocken: Die aktuelle Pestalozzi-Schüleragenda lässt Jugendliche zu Wort kommen. Ob die Agenda auf Papier selbst überlebt, ist aber in der digitalisierten Welt ungewiss.

Hansruedi Kugler
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Ja, es gib sie noch! Generationen von Schülerinnen und Schülern war die Pestalozzi-Agenda seit ihrer Erstausgabe 1908 ein selbstverständlicher Begleiter. Auflagen um die 100'000 Exemplare waren die Regel. Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann erzählte einmal, dass er zu Weihnachten jeweils «den Kalender und einen Fünfliber» geschenkt bekam. Und Friedrich Dürrenmatt beschrieb in den «Stoffen» eine schmerzhafte Erfahrung: Als 12jähriger hatte er mit seiner Zeichnung «Schweizer Schlacht» im Wettbewerb der Pestalozzi-Agenda eine Uhr gewonnen: «Ich war so aufgeregt, als ich vor der Haustür die Uhr auspackte, dass sie auf den Steinboden fiel. Sie war nicht mehr zu reparieren.»

Der Pestalozzi-Kalender wurde 1907 ursprünglich vom Berner Kaufmann Bruno Kaiser als "Kaiser's neuer Schweizer Schuelerkalender" gegruendet.

Der Pestalozzi-Kalender wurde 1907 ursprünglich vom Berner Kaufmann Bruno Kaiser als "Kaiser's neuer Schweizer Schuelerkalender" gegruendet.

Str / KEYSTONE

Ob die Digitalisierung solche einprägsamen Erinnerungen noch ermöglicht? Wird die Schüleragenda zum Museumsobjekt? Die Gefahr jedenfalls ist gross. Das spürt deren Herausgeber, der Zürcher Literaturwissenschafter und Journalist Charles Linsmayer, bei der Sponsorensuche und bei den spärlichen Vorbestellungen. Aber ihm ist diese Agenda ein Herzensanliegen. Und die aktuelle Ausgabe bezeugt noch einmal Linsmayers weltanschauliches, journalistisches und pädagogisches Engagement.

Statt vorbildliche Männer nun aktuelle Jugendthemen

Herausgeber Charles Linsmayer

Herausgeber Charles Linsmayer

Utzi-Foto.ch

So schreibt Charles Linsmayer im Vorwort, heutige Jugendliche seien weit entfernt davon, nur Spass zu suchen:

«Es ist da eine Ernsthaftigkeit im Umgang mit Zukunftswünschen, die die ältere Generation ebenso beschämen wie erfreuen sollte.»

Nach Themen er vergangenen Jahre wie Umweltschutz oder Literatur widmet sich die diesjährige Agenda dem Thema «Zukunft». Wieder kommen Jugendliche mit ihrer Nachdenklichkeit selbst zu Wort, schreiben über den Klimastreik, ihre Liebe zur Natur, über soziale Medien, Toleranz oder Hypermobilität. Das junge Redaktionsteam stellt in eigenen Beiträgen Utopien und Erfindungen für eine bessere Zukunft vor, porträtiert WWF und Greenpeace und stellt den Corona-Whistleblower Li Wenliang vor. Die Pestalozzi-Agenda ist also weit mehr als eine Schüleragenda für das Notieren von Hausaufgaben, Prüfungen und Freizeitterminen. Es ist auch ein Mutmacherbuch – seit längerem emanzipiert von den Anfängen, in denen die Agenda vor allem den grossen Schweizer Männern als Vorbilder huldigte.

Allerdings fängt die Agenda am ersten Tag, dem 31. Juli, mit einem legendären Weckruf an, der Albert Einstein zugeschrieben wird: «Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben. Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiterleben will.» An jedem Tag des Schuljahrs findet sich ein Zitat oder eine Information. Die Agenda versinkt aber gerade nicht in Pessimismus. Gegenbeispiel: Am 21. Juli 1986 sei die erste Windenergieanlage in der Schweiz in Betrieb genommen worden, steht in der Agenda am 21. Juli 2021.

Ein Fund im Abfall hauchte der Agenda neues Leben ein

Dass die Pestalozzi-Agenda trotz rasender Digitalisierung überleben wird (in der Oberstufe laufen unterdessen alle Schülerinnen und Schüler mit einem Smartphone herum), dafür gibt es neben Linsmayers nimmermüdem Einsatz einen anderen möglichen Grund. Ihre museale Phase hat die Agenda nämlich bereits einmal überwunden: 2008 hat Charles Linsmayer das 100-Jahr-Jubiläum mit einer Ausstellung in Bern gefeiert, und dabei von einem kuriosen Fund berichtet. Er sei an einem verregneten Tag 1990 in Zürich auf eine Abfallmulde gestossen, die mit Pestalozzi-Kalendern gefüllt war. Er habe gerettet, was er tragen konnte und die Büchlein getrocknet. Seit einigen Jahren ist er selbst Herausgeber.

Ein bisschen Tradition ist auch in der neuesten Agenda drin. Da taucht in der Buchmitte etwa das aktuelle Bundesratsfoto auf, das seit Beginn 1908 zur Agenda gehört. Und wer die Formel zur Berechnung des Volumens eines Quaders oder eines Zylinders vergessen hat, findet diese auf Seite 304.

Pestalozzi-Agenda 2020/2021: Werd Verlag, 320 Seiten.