Lucerne Festival: Ein neuer Frühling im Sommer?

Neuorientierung beim Lucerne Festival: Die Wochenenden sind eine Antwort auf Konkurrenz im In- und Ausland.

Urs Mattenberger
Drucken
Teilen
Mit ihrer theatralischen Klassikperformance prägt Patricia Kopatchinskaja das erste Festivalwochenende im November.

Mit ihrer theatralischen Klassikperformance prägt Patricia Kopatchinskaja das erste Festivalwochenende im November.

Bild: LF/Franca Pedrazzetti
(6. Februar 2020)

Lucerne Festival hatte die Streichung der Spartenfestivals mit einer strategischen Neuorientierung begründet, die einen Aufbruch auch im Sommer bringen soll. Die neuen Festivalwochenende lösen den Anspruch schon mal ein: Der Dirigent Teodor Currentzis (im April) und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja (im November) stehen als schillernde Performer für einen Aufbruch in der Klassik und geben den Wochenenden ein klares Gesicht.

Wie viel von dieser Aufbruchstimmung zeigt sich im Sommerfestival selber? In den ersten Jahren seiner Intendanz hat Michael Haefliger mit der Gründung des Festivalorchesters (mit Claudio Abbado) und der Academy (mit Pierre Boulez) das weltweite Renommee des Festivals spektakulär gesteigert. In den letzten Jahren aber zeigten sich auch Zeichen der Stagnation (der Besucherzahlen) und der Reduktion – nichts anderes ist zunächst die Streichung des Ostern- und Pianofestivals.

Wann und wie führt die Neuorientierung also im Sommer zu einem Aufbruch? Es waren auch solche Fragen, um die sich die festival-internen Konflikte der letzten Monate drehten. Denn Stagnation kann sich das Klassikfestival nicht leisten angesichts der vitalen Konkurrenz im In- und Ausland.

Die Konkurrenz in Verbier und Gstaad legt zu

Das zeigt schon ein Vergleich mit den wichtigsten Konkurrenten in der Schweiz, dem Verbier Festival und dem Menuhin Festival Gstaad. Lucerne Festival bleibt zwar klar das Flaggschiff unter den Schweizer Klassikfestivals mit 72700 Besuchern und einem Budget von 23 Millionen Franken (2019). Das Menuhin Festival zählte 26 700 Besucher (Budget: 6,7 Millionen), Verbier 52000 (Budget: 10 Millionen).

Aber die Festivals im Berner Oberland und im Wallis legen zu, haben einen vergleichbar hohen Starfaktor und Formate, wie man sie vom Lucerne Festival kennt – von Jugendprogrammen über Meisterkurs-Akademien bis zu eigenen Festivalorchestern. Allerdings versammelt das Verbier Festival Orchestra unter Valery Gergiev Jungtalente von 18 bis 28 Jahren. In Gstaad setzt sich das Festivalorchester aus Mitgliedern von Schweizer Orchestern zusammen.

Die festivaleigenen Formationen in Luzern stehen stärker für internationale Exklusivitätsansprüche. Die Lucerne Festival Academy geht jeweils auf Tournee mit Moderne-Meilensteinen wie dem Boulez-Grossprojekt, das der künstlerische Leiter Wolfgang Rihm für diesen Sommer initiiert hat. Dem Lucerne Festival Orchestra geben Solisten und Kammermusiker von Weltruf noch immer einen Ausnahmerang, auch wenn dieser unter der Leitung von Riccardo Chailly relativiert wird durch die Ausweitung des Repertoires und den Beizug von Gastdirigenten (mit Franz Welser-Möst in der diesjährigen Asien-Tournee). Weltweit an der Spitze klassischer Musikfestivals steht Lucerne Festival durch die Parade internationaler Top-Orchester in 30 Sinfoniekonzerten..

Während die Alpenfestivals fernab der Metropolen Star-Glamour mit familiärer Ambiance verbinden, hat Lucerne Festival sein Zentrum in einem urbanen Hotspot klassischer Musik und muss im KKL die Festivalambiance eigens herstellen. Trotz unterschiedlicher Versuche verfügt es bis heute nicht über das lange angedachte Festivalzentrum, in dem sich Künstler und Publikum begegnen könnten. Das Strassenfestival, die beiläufigen Gastauftritte bei der Buvette und selbst das einmalige Public Viewing auf dem Inseli sind zwar beliebt, aber dafür kein Ersatz.

Das lange Warten auf «Meet Teo»

Schwerer wiegt, dass neue Formate an den Spartenfestivals praktisch gar nicht und auch im Sommer nur begrenzt genutzt werden. Innovativ waren und sind da die «40min»-Gratiskonzerte, spektakuläre Opernzyklen mit szenischer Aktion im Konzertsaal sowie Academy- und Alumni-Projekte. Aber das Gros der Sinfoniekonzerte und Rezitals blieb davon unberührt.

Das könnte sich mit dem Konzept der Festival-Wochenenden ändern. Denn die hier mitkuratierenden Künstler bringen einen neuen Schwung ins Festival ein. So gibt «Meet Teo» am Currentzis-Wochenende im April dem «40min»-Konzert eine neue Dimension. Darauf haben wir schon lange gewartet: Der Dirigent probt öffentlich Beethoven, spricht über Beethoven und trifft sich im Foyer mit dem Publikum.

Kopatchinskajas «Bye-Bye Beethoven» zeigt im Herbstwochenende, wie Lucerne Festival sich mit inszenierten Konzerten im Musiktheater profilieren kann – auch gegenüber der übermächtigen Opernfestspielkonkurrenz etwa in Salzburg. Da gibt es in der hundertsten Jubiläumsausgabe unter 222 Veranstaltungen (darunter 42 Opernvorstellungen und 11 Sinfoniekonzerte mit Top-Gastorchestern) das neue Überraschungsformat «Moments Musiceaux», in dem unter anderen Currentzis und Kopatchinskaja mitwirken.

Internationalität, lokal verankert

Kopatchinskaja hat auch ihr «Bye-Bye Beethoven» andernorts bereits gezeigt. Aber in Luzern wird mit Musikern des Festivalorchesters, der Academy sowie des Luzerner Sinfonie- orchesters eine eigene Fassung erarbeitet. Auch diese Zusammenarbeit ist zukunftsträchtig, weil sie Internationalität mit lokaler Verankerung verbindet – wie im Sommer eine Koproduktion mit dem Luzerner Theater, die mit Beethovens neunter Sinfonie den Stadtraum bespielt.

So zeigen sich Innovationen tatsächlich auch im Sommer. Die Orchesterparade wurde kaum je so gezielt genutzt wie jetzt mit allen Sinfonien von Beethoven im breiten Interpretationsspektrum von Gardiner bis Thielemann. Dass mit der Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla eine «Primadonna» aus dem Jahr 2016 «Artiste Etoile» ist, zeigt, wie fruchtbar die Festivalthemen sein können. Und mit dem neuen Pre-Festival «Music for Future» bekommen die zahlreichen Jugendaktivitäten des Festivals einen neuen Rahmen, der einige Überraschungen bereithält.

Versprochen hatte Michael Haefliger mehr «Sommer»-Formate im Frühling und Herbst. Die Beispiele zeigen, dass es genauso gut umgekehrt laufen kann: dass die Inspiration, die die Künstler in die offen konzipierten Wochenenden hineinbringen, auf den Sommer zurückwirkt. Ein neuer Frühling im Sommer – das wäre der krönende Abschluss für Haefligers bis 2025 dauernde Intendanz.