Ein Rapkollektiv macht diese Solothurner Raststätte berühmt

Das legendäre Berner Rapgruppe Chlyklass nimmt einen auf «Deitinge Nord» mit auf eine Reise in ihrem Tourbus.

Michael Graber
Hören
Drucken
Teilen
Die Chlyklass ist schon seit der Jahrtausendwende unterwegs.

Die Chlyklass ist schon seit der Jahrtausendwende unterwegs.

Bild: PD/P. Pfistner

Eingeklemmt zwischen Aare und A1 liegt die Raststätte Deitingen Nord. Insgesamt 375 Bewertungen auf Google, im Durchschnitt 4 von 5 Sternen. «Super Kaffee und die besten Weggli an einer Tanke, die ich je hatte», jubelt Bewerterin Gabi. Trotzdem: Gezielt ist niemand in Deitingen Nord. Wer dort ist, ist auf dem Weg. Kommt woher und geht wohin. Deitingen Nord ist ein Zwischenhalt. Zwischenhalte sind nett und nützlich, aber selten im Rampenlicht.

Und Lieder schreibt schon gar niemand drüber. Oder fast niemand. Die Chlyklass aus Bern hat jetzt über diesen «sauber und einladenden Ort» (Bewerter Rino) ein Stück geschrieben und sogar ihr neues Album danach benannt. «In Deitinge bisch ir Nacht nie allei/egau wohärde chunsch füelsch di hie wi dahei», rappt Krust. Es geht um nächtliche Stopps nach Auftritten. Heimweg mit Hungerattacken und Harndrang. Der Zwischenhalt wird Ort der Gleichheit: «Hie trifft Unternähmer uf Punk, Banker uf Junk Gangster uf Papst/hie fingt jedi Seu ihre Platz, bevor ds si när ume alei usefahrt», so Diens.

Schuster, bleib bei deinen Leisten

Man kann sich die Chlyklass-Jungs, diese mittlerweile gut angegrauten Rap-­Veteranen, bestens vorstellen, wie sie um vier Uhr noch in die Raststätte wanken und neben Chips und Zigarettenpapier auch noch einen aufgebackenen Zopf für den Sonntagsbrunch kaufen. Dann gehts zurück ins Büssli, weg von Deitingen Nord.

Das Album ist auch für die Chly­klass irgendwie ein Zwischenhalt. Das Rapkollektiv kommt aus den 2000er-­Jahren und ist auf dem Weg ins Jetzt. Dabei dreht sich viel um die Frage: Wie kann man im Rap älter werden? Die Antwort der Chlyklass: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Die fussballteamgrosse Truppe streckt sich nicht nach Trends. «Ire Zyt, wo jede Tag dr Wind dräit/loufi grad, egau wohär dr Wind wäit», rappt Baze. Dazu klopft ein zeitloser Beat, der gerade wegen dieser Zeitlosigkeit leicht angestaubt wirkt.

Dieser musikgewordene Giele-Ausflug lebt auch von diesem Nostalgieschimmer, der ihn immer ein bisschen umweht. In jedem Kollektiv hat es Figuren (hier: Baze, Greis), die mehr herausragen als andere. Löblich ist, dass man die Chlyklass trotzdem immer als Einheit wahrnimmt. Man erzählt zusammen. Man erzählt von Haustieren, von der eigenen Grossartigkeit, vom Blick auf die Jugend. Einen roten Faden gibt es nicht, auch keine klare Message.

Es ist, als sässe man im Tourbus der Chlyklass und würde den Gesprächen zuhören. Mal nichtig, mal gross, mal angetrunken grössenwahnsinnig, mal nüchtern skeptisch. Meist grossartig erzählt. Rapsnacks für Rapfreunde, die mit der Chlyklass (und all den angehängten Formationen, PVP und Wurzel 5) zu Rapfans wurden. «Mir mache witer so guet wis geit/S’cha cho was wott, mir si ume», so Baze. Nächste Ausfahrt: Deitingen Nord. «Freundlich und kompetent und 24h offen» (Bewerter Kurt).

Tipp:
Chlyklass: Deitinge Nord (Chlyklass Records)

Mehr zum Thema Rap lesen Sie hier:

Thailand: Mit Rap gegen die Diktatur

Zehn Rapper haben ihre Wut über das Militärregime zum Ausdruck gebracht. Ihr Song «Prathet Ku Mi» wurde auf YouTube schon 33 Millionen Mal angeklickt. Nun hat das Regime zurückgerappt.
Ulrike Putz, Singapur