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Kompanie Affenherz im Kleintheater:
Ein Stück, das uns erheitert und zu denken gibt

Christoph von Goumoëns ist der sogenannt geistig behinderte Bruder von Annette von Goumoëns. Die beiden Geschwister zeigen auf der Bühne, was sie verbindet.
Pirmin Bossart
Sie lassen das Publikum an gemeinsam erlebten Geschichten teilhaben: Annette und Christoph von Goumoëns. (Bild: PD)

Sie lassen das Publikum an gemeinsam erlebten Geschichten teilhaben: Annette und Christoph von Goumoëns. (Bild: PD)

Zuerst ist nur Christoph auf der Bühne. Wir sehen ihn von hinten, wie er auf dem Boden vor dem Fernseher sitzt und immer näher rutscht, bis seine Silhouette mit dem James-Bond-Film fast verschmilzt. Später steht er da, allein im Rampenlicht, geht bedächtig auf und ab, reibt sich die Hände, macht sehr konzentriert ein paar Körperübungen. Es ist mucksmäuschenstill. Das Publikum betrachtet einen Menschen mit Trisomie 21.

Fühlt sich so der kulturell sanktionierte Voyeurismus an? Ist ein Mensch weniger oder gar nicht mehr «behindert», wenn er auf der Bühne steht? Darf man über sein gelegentliches Verhalten lachen? Ist Inklusion nur im geschützten Rahmen einer Kulturveranstaltung möglich, oder erst recht absurd? Solche Fragen mögen auftauchen, aber sie verblassen schnell. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil sie sich im Verlauf dieses Theaterabends erübrigen.

Das ist spätestens dann der Fall, wenn auch Annette die Bühne betritt, eine klassische Normalbehinderte. Seit Jahren bereichert sie als professionelle Theaterschaffende und Produzentin die freie Szene. Sie ist die Schwester von Christoph, sein Kumpel und – etwas widerwilliger – seine Jane und sein Bikini-Girl. Dafür stürzt sie sich auch schon mal in ein schräges Kostüm, humpelt als High-Heels-Girl mit Samichlaus-Bart auf die Bühne. Das Komische und das Berührende gehen Hand in Hand.

Die beiden Geschwister lassen das Publikum an gemeinsam erlebten Geschichten teilhaben. Sie spielen Szenen aus Actionfilmen nach oder kämpfen darum, sich gleichberechtigt verwirklichen können. Sie sitzen am Klavier, machen Musik. Annette mit ihrer schön souligen Stimme, Christoph mit seinem präzisen Tasten-Minimalismus. Sie stossen einander im Einkaufswagen durch die imaginären Regale und spielen abwechslungsweise das «Idiotenkind».

Manchmal erzählt Annette eine Episode oder reflektiert, warum wir oft die Menschen schubladisieren und wie wir daraus unsere Vorurteile schmieden. Was müsse sie davon halten, wenn ihr Bruder als «geistig behindert» bezeichnet werde, sagt sie einmal. «Christoph ist einer der geistreichsten Menschen, die ich kenne. Und ehrlich gesagt fühle ich mich oft weit mehr behindert von meinen Lebensumständen, als ich das bei ihm wahrnehme.»

Wunderbare szenische Einfälle

Die Art und Weise, wie sie sich auf der Bühne geben und miteinander umgehen, ist wohltuend und brauchte eigentlich keine Metaebene. Dazu passen auch der gemächliche Rhythmus, das Unspektakuläre, das Gewährenlassen, die Direktheit. Die Konzentration und stille Präzision von Christoph sind beeindruckend, da ist nichts dazwischen. Das Stück mit dem Titel «0021 - Diamonds Are Forever» ist mit ein paar wunderbaren szenischen Einfällen stimmig inszeniert (Regie: Beatrice Fleischlin, Licht: Savino Caruso).

So sehen wir ein Stück, das uns an eigene Erlebnisse und Verhaltensweisen erinnert, das uns erheitert und uns zu denken gibt. Christoph und Annette sind zusammen aufgewachsen. Sie wurden als Kinder sogar gleich eingekleidet, wie die Ausschnitte aus alten Super-8-Filmen zeigen. Und heute? Heute stehen sie, als gross gewordene Kinder, mit je ihren Eigenheiten gemeinsam auf der Bühne und spielen ihre Geschichten. So einfach ist das. Und so fantastisch normal ist das am Ende geworden.

Weitere Vorstellung der Kopanie Affenherz: heute Mittwoch, 6. Februar 2019, 14 Uhr, Kleintheater Luzern

Im Rahmen des Winterfestivals «Unfrisiert» zeigt das Kleintheater Luzern bis am Sonntag, 10. Februar, weitere Produktionen zum Thema «Inklusion»

www.kleintheater.ch

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