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Das grösste Theaterprojekt Zürichs dauert 12 Stunden an acht Orten

Vier Regisseure, acht Spielorte, zwölf Stunden: Der Zürcher Theaterspaziergang ist wohl das grösste Theaterprojekt, das in Zürich je auf die Beine gestellt wurde. Über ein Wagnis, das sich lohnt.
Julia Nehmiz
Theater, wo sonst kein Theater stattfindet: Im Gasimuseum Schlieren wird ein Teil des Romans «Alles in allem» aufgeführt. (Bild: Daniel Diriwächter)

Theater, wo sonst kein Theater stattfindet: Im Gasimuseum Schlieren wird ein Teil des Romans «Alles in allem» aufgeführt. (Bild: Daniel Diriwächter)

Eine Sorge sind sie schon los. Ein Publikum haben sie gefunden, und zwar lange, bevor ihr Theaterspaziergang Premiere feiert: Alle 15 Vorstellungen sind ausverkauft. Dabei ist der Theaterspaziergang, wie er verniedlichend genannt wird, ziemlich sperrig.

Ein 1020 Seiten langer Roman: "Alles in allem"

Peter Brunner und Wolfgang Beuschel werden den 1020 Seiten starken Roman «Alles in allem» von Kurt Guggenheim aufführen. Ein vierbändiges Zürich-Epos, das mit 140 Figuren die Zeitspanne von 1900 bis 1945 erzählt. Wie will man das auf die Bühne bringen? Und warum?

Peter Brunner und Wolfgang Beuschel sind die Köpfe hinter dem Projekt, zum Interview wollen sie sich am Gasometer in Schlieren treffen. Hier im Gasi-museum werden zwei Schauspieler und eine Schauspielerin die Zeitspanne von 1909 bis 1912 ­erzählen. Als 1909 hier der le­gendäre Gordon-Bennett-Gasballon-Wettflug startet, planen die frisch verliebten Romanfiguren Kät­terli und Karl Gebhardt ihre Zukunft.

Doch das Museum ist schon zu, die Probe beendet, aber man kann ja auch einfach auf der roten Parkbank davor sitzen, finden Brunner und Beuschel. Die letzten Sonnenstrahlen scheinen auf das Industrieareal. Fahrradfahrer nutzen es als Abkürzung, spielende Kinder rennen vorbei, jemand führt seine Hunde Gassi. Die Industriebrache strahlt einen verwunschenen Charme aus.

Am Samstag ist Premiere

Peter Brunner, Mitgründer und ehemaliger Leiter des Zürcher Sogar-Theaters, arbeitet seit 2013 an seinem Mammutprojekt «Alles in allem». Er hat seinen langjährigen Schauspiel- und Regiekollegen Wolfgang Beuschel dazugeholt. Seit eineinhalb Jahren arbeiten die beiden daran, das Projekt Wirklichkeit werden zu lassen. Kommenden Samstag ist Premiere. Und Brunner, 64, abgewetzter Parka über schwarzer Strickjacke, stellt auf der roten Parkbank als erstes eine Gegenfrage: Wieso kommt man auf die Idee, dieses Projekt nicht machen zu wollen?

20 Jahre leitete er das Sogar-Theater, und er habe nie Angst gehabt, Stoffe auf die Bühne zu bringen, die nicht explizit fürs Theater geschrieben wurden. Er mag es, Texte in eine dramaturgische Form zu giessen. Aber wieso dann gerade «Alles in allem»?

Durch den Roman sah er Zürich mit anderen Augen

Der Roman stand bei Brunner ungelesen im Bücherregal. Bis ihm vor sechs Jahren sein Schwager sagt, er müsse dieses Buch lesen. Brunner tat es, und hatte ein Erweckungserlebnis. Er war von der Erzählung, der Sprache, den Zeitläufen begeistert. Wie Guggenheim es schafft, im Kleinen der Figuren das Weltgeschehen zu erzählen, verknüpft mit den grossen Fragen von Mi­gration, Heimat, Zusammenleben. Brunner sah Zürich mit neuen Augen. Und fand, er muss das auf die Bühne bringen. Er begann, nach und nach eine Strichfassung zu erstellen, suchte nach Spielorten. Hatte er bisher die Stadt ins Theater geholt, wollte er mit «Alles in allem» Theater in die Stadt bringen. Er gründete ­einen Verein, suchte Geldgeber. 600000 Franken kostet das Projekt. Noch fehlen knapp 30000 Franken. Doch Brunner bleibt ­gelassen, er will erst mal die Schlussrechnung abwarten. Und: «Bei einer Produktion in dieser Grösse ist es normal, dass laufend Sachen dazukommen.»

50 Stunden reine Vorlesezeit

Gross ist die Produktion wirklich, wahrscheinlich das grösste Theaterprojekt, das in Zürich je auf die Beine gestellt wurde. Vier Regisseure erarbeiten das zwölfstündige Spektakel mit 19 Schauspielerinnen und Schauspielern und einem Musiker. Den gesamten Roman vorzulesen dauert 50 Stunden. Die Theatermacher haben ihn auf fünfeinhalb Stunden gekürzt. Gespielt wird an acht Schauplätzen in Zürich, auch an Orten, die sonst nicht zugänglich sind. In der Kaverne des Seewasserwerks, in der ehemaligen Militärkantine, am Gasometer. Nur 78 Zuschauerinnen und Zuschauer dürfen pro Vorstellung mit. Sie werden mit einem Car von Ort zu Ort transportiert. «Grad heute habe ich gedacht, eigentlich machen wir acht Leseinszenierungen in acht Kleintheatern, aber ganz Zürich ist die Bühne», sagt Wolfgang Beuschel. Peter Brunner nickt. Nach 20 Jahren Kleintheater freut er sich auf die Stadt als grosse Bühne.

Man darf auch mal wegdämmern während des Stücks

Und ja, das Projekt habe etwas Grössenwahnsinniges, «im positiven Sinn». Dass der Theaterspaziergang zwölf Stunden dauert (inklusive Pausen und gemeinsamem Essen), ist gewollte Überforderung. «Man soll auch mal wegdämmern, in diesen Zustand zwischen Wachen und Träumen geraten», sagt Wolfgang Beuschel. Dann würde das Stück, der Roman sich mit dem eigenen Empfinden vermischen. Und die Stadt Zürich lasse sich ganz neu erfahren.

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