Lucerne Festival: Zubin Methas Tänzchen zum Abschied

Zubin Mehta dirigiert am Lucerne Festival eines seiner letzten Konzerte zwischen Tanz und Liebeswahn.

Roman Kühne
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Der 83-jährige Mehta wirkte am Montag zuweilen spritzig wie ein Jungspund. Bild: Peter Fischli/LF (Luzern)

Der 83-jährige Mehta wirkte am Montag zuweilen spritzig wie ein Jungspund. Bild: Peter Fischli/LF (Luzern)

Schliesslich ist alles halb so wild. Weder ist der Europaplatz gesperrt, noch das KKL abgeriegelt. Dezent stehen die Polizisten bei den Eingängen. Das als heikel eingestufte kulturelle und politische Treffen zwischen Bundesrat Ignazio Cassis und dem israelischen Aussenminister Israel Katz am Lucerne Festival vom Montag wirft wenig optische Wellen (Ausgabe von gestern). Einzig dem Eingangsbereich ist ein Zelt vorgelagert wo sich die Flughafen-Scanner befinden und die Sicherheitskontrollen stattfinden.

Der an die Besucher gerichtete Vorschlag, genügend Zeit für die Kontrollen einzuberechnen, wurde offenbar berücksichtigt. Die Gäste kommen frühzeitig und somit sind die Wartezeiten gering. Im KKL selber fallen die wenigen Bodyguards gar nicht auf. So rückte wie selbstverständlich ins Zentrum, was ins Zentrum gehört: die Musik. Doch auch hier ist so einiges speziell. Mit Zubin Mehta hat sich einer der wohl bekanntesten Dirigenten der Welt entschieden, auf Ende Jahr die Leitung seines Israel Philharmonic Orchestra abzugeben. «Seines» erhält hier eine ganz besondere Bedeutung. Mehta war 1968 der erste Chefdirigent, den das Orchester ernannte und ist es bis heute geblieben. Wenn also im neuen Jahr der erst 29-jährige Lahav Shani das Zepter übernimmt, wird er erst der zweite Chef dieses Ensembles sein. Vergleichsmöglichkeiten bieten sich direkt an. Shani wird am kommenden Samstag in Luzern das Rotterdam Philharmonic Orchestra dirigieren.

Tänzerisch und schwerelos

Und wenn Zubin Mehta und sein Orchester auftreten, stellt sich die Frage der Macht natürlich wie von alleine. Dies nicht nur wegen der Sicherheitsvorkehrungen, die all ihre Konzerte begleiten oder wegen der angespannten aktuellen Situation in Israel. So erklingt als erstes die Komposition eines alten «Weggefährten» von Mehta. Ödön Pártos musste nicht nur von den Nazis fliehen, sondern er war auch Solobratschist im frisch gegründeten Palestine Orchestra, dem Vorläufer der Israel Philharmonic. Sein «Concertino für Streicher» ist der Höhepunkt des Abends. Der 83-jährige Maestro interpretiert den rhythmisch drehenden Wirbel leicht und agil. Das ursprünglich für ein Quartett geschriebene Werk behält auch in dieser Orchesterversion seine ganze Transparenz und Spritzigkeit. Tänzerisch und schwerelos. Man mag nicht glauben, dass der Dirigent vorher am Stock in langsamem Gang zum Pulte schritt. Er ist spritzig wie ein Jungspund.

Fast etwas fremd wirkt da die anschliessende 3. Sinfonie von Franz Schubert. Einerseits bietet die Lieblichkeit des Werkes einen gar schroffen Kontrast zu den spannenden Rhythmen von Pártos. Andererseits gibt es zwar farblich bewegende Momente und wird dem Holz viel solistischer Platz gelassen. Doch bleibt die Interpretation gar etwas in der Süsse stecken. Wenn es dann mal laut und kantig wird, fehlt die Basis, der nötige Grossklang, um mehr Wirkung zu erzielen. Nach der Pause dann ein «Machtstück» der ganz anderen Art – die Ohnmacht gegenüber den eigenen Gefühlen. Besingt Hector Berlioz in seiner «Symphonie fantastique» doch eigentlich nichts anderes als seine verzweifelte Liebe gegenüber der Schauspielerin Harriet Smithson. Das bekannte Werk verfehlt auch im KKL seine Wirkung nicht.

Langanhaltender Applaus für die Lebensleistung

Mehta dirigiert mit grossem Vorwärtsdrang, betont das Geheimnisvolle der Anfangstöne im zweiten Satz, baut in der «Szene auf dem Lande» eine fast übersinnliche Sehnsucht und Spannung auf. Das geht durch Mark und Bein. Aber auch hier klingt das Orchester in den lauten Teilen etwas undifferenziert, nimmt dem wirbelnden letzten Teil so teils seine Kraft.

Das Publikum verdankt die Lebensleistung von Zubin Mehta mit einem langanhaltenden Applaus. Und als die lüpfige Zugabe «Leichtfüssig», Polka von Joseph Hellmesberger, Jr. erklingt, ist es die pure Lust und der Spass, der auf der Bühne tanzt. Aber vielleicht ist ja gar noch nicht Schluss. Schliesslich sprang Zubin Mehta noch im April kurzfristig bei den Berlinern Philharmonikern ein, um den «Otello» zu dirigieren.