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Ein umwerfendes Duo erkundet Frankreich, geleitet von Zufällen und Erinnerungen

Das Duo ist eine weltberühmte Regisseurin und ein junger Fotokünstler. Ihr
oscar-nominiertes Roadmovie «Visages Villages» ist herzerfrischend.
Regina Grüter
Einander zugeneigt: Agnès Varda und JR imitieren in Château-Arnoux-Saint-Auban die Pose der Fabrikarbeiter. (Bild: Filmcoopi)

Einander zugeneigt: Agnès Varda und JR imitieren in Château-Arnoux-Saint-Auban die Pose der Fabrikarbeiter. (Bild: Filmcoopi)

«Komisch, dass wir uns nicht schon früher begegnet sind», meinen Agnès Varda und JR. Und sie geben tatsächlich ein fan­tastisches Duo ab: die gestern 90 Jahre alt gewordene Fotografin, Künstlerin und Filmregisseurin Agnès Varda und der französische Fotograf und Street-Art-Künstler JR, Jahrgang 1983.

Entstanden ist ein dokumentarisches Roadmovie

Varda ist beeindruckt von JRs lebensgrossen Aufnahmen von Gesichtern; JR hat das Gesicht von Corinne Marchand in Vardas Film «Cléo de 5 à 7» (1962) in lebhafter Erinnerung. Nun haben sie sich zusammengetan, um gemeinsam Gesichter zu fotogra­fieren. Damit erfülle ihr JR ihren grössten Wunsch, sagt Varda.

Entstanden ist das dokumentarische Roadmovie «Visages Villages», eine Reise im Fotomobil durch das ländliche Frankreich und durch das persönliche und kollektive Gedächtnis.

Sie lassen sich dabei vom Zufall leiten. «Der Zufall war immer mein bester Assistent», sagt Varda. Und von Erinnerungen. Menschen und Orte sind mit Erinnerungen verknüpft. Manchmal werden die Erinnerungen durch einen Zufall wach. Manchmal ­ergibt sich aus Erinnerungen zufällig etwas Neues.

Agnès Varda am Filmfestival in Cannes. (Bild: Clemens Bilan/EPA, 14. Mai 2018)

Agnès Varda am Filmfestival in Cannes. (Bild: Clemens Bilan/EPA, 14. Mai 2018)

So hat Agnès Varda eine Foto-Postkarte mit einem Minenarbeiter aus Bruay-la-Buissière im nordfranzösischen Kohlebecken in ihrem Erinnerungsschatz. Dort angekommen, treffen Varda und JR auf Jeannine, die einzige Bewohnerin einer alten Bergbausiedlung. Sie lässt sich nicht vertreiben. JR und sein Team drucken alte Fotos von Minenarbeitern überlebensgross aus und kleben sie an die Hausmauern. Auch Jeannines Gesicht kommt auf ihr Haus als Bild des Widerstands. Die Fabrikarbeiter von Château-Arnoux-Saint-Auban versammeln sich zum Gruppenbild, ein Bauer ziert fortan die Vorderseite seiner Scheune.

Sie necken sich ­ den ganzen Film hindurch

JR und Varda tapezieren den öffentlichen Raum mit einfachen Leuten und setzen ihnen damit ein Denkmal, die Landschaften mit ihren Dörfern stellen sie in den Kontext von Geschichte und Gegenwart. Diese Episoden oder Schnipsel montieren sie zu einer vielfältigen filmischen Collage.

Es ist aber auch die Geschichte einer künstlerischen Begegnung und einer sich daraus entwickelnden Freundschaft. Varda und JR überraschen sich gegenseitig immer wieder und lernen vom Blick des anderen. Wie sie sich den ganzen Film hindurch liebevoll necken, verleiht dem Ganzen Leichtigkeit und Witz.

Man muss weder von Film noch von Fotografie eine grosse Ahnung haben, um sich in diesem Film wohl zu fühlen. «Visages Villages» ist ein höchst vergnügliches Abenteuer, dessen soziale und feministische Kommentare sich ganz natürlich aus den Begegnungen mit den Leuten ergeben. Mit Agnès Varda und JR sind zwei Künstler unterwegs, die auf dem Boden geblieben sind und, ob alt oder jung, einfach einen schönen Blick haben.

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