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Ein Video berührt die Welt: Eine demente Primaballerina tanzt «Schwanensee»

Sie weiss nicht mehr, wer sie ist. Aber wie man tanzt. Das herzzerreissende Video der demenzkranken spanischen Ballerina Marta González geht weltweit viral.

Manuel Meyer aus Madrid
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Ein kleines Wunder: Marta González tanzt in ihrem Altersheim bei Alicante eine Szene aus «Schwanensee».

Ein kleines Wunder: Marta González tanzt in ihrem Altersheim bei Alicante eine Szene aus «Schwanensee».

Bild: Asociacion Musica para Despertar

Zusammengekauert sitzt Marta González in einem Rollstuhl. Sie trägt eine schwarz-weiss gestreifte Bluse. Marta wirkt schwach, ihre Blicke verloren. Die alte Frau leidet an Alzheimer, kann sich nur noch an wenige Dinge aus ihrem Leben erinnern. Schon gar nicht, dass sie früher einmal professionale Balletttänzerin war.

Doch als ein Pfleger des Seniorenheims Muro de Alcoy bei Alicante der betagten Spanierin Kopfhörer aufsetzt und ihr Tschaikowskis «Schwanensee» vorspielt, passiert etwas. Die Ex-Ballerina beginnt, mit den Händen die Musik zu begleiten. Dann bewegt sie die Arme, schliesslich den ganzen Oberkörper im Rhythmus der Musik.

Herzzerreissende Momente, die weltweit in einem kurzen Video viral gingen. Millionen sahen es bereits auf Twitter, Instagram, Facebook, Youtube und TikTok, nachdem bekannte Schriftsteller, Musikerinnen, Journalisten und Hollywoodstars wie Antonio Banderas und Jennifer Garner das Video auf ihren sozialen Netzwerken weiterverbreiteten.

Die Musik stirbt zuletzt

Marta González ist tot. Sie starb diesen Sommer. Die Aufnahmen von ihr entstanden im Oktober 2019. Erst jetzt fand die gemeinnützige Charity-Organisation Asociación Música para Despertar (Vereinigung Musik zum Erwachen) das Video im Internet und machte mit dem Film auf die Bedeutung musikalischer Therapieansätze bei der Betreuung von Demenzpatienten aufmerksam.

«Alzheimerpatienten vergessen die Bedeutung einfachster Begriffe und Gegenstände. Selbst die Gesichter ihrer eigenen Kinder werden ihnen fremd. Viele erinnern sich häufig nicht einmal mehr an ihren eigenen Namen. Doch können sie immer noch alte Volks- und Weihnachtslieder mitsingen», erklärt der spanische Musiktherapeut Pepe Olmedo.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften fanden heraus, dass sich das Langzeit-Musikgedächtnis in der Grosshirnrinde befindet, wo Informationen auch nach einer starken Beeinträchtigung des Gedächtnisses noch lange intakt bleiben. So können Demenzkranke sich oft keine neuen Melodien einprägen, erinnern sich aber an die Klänge ihrer Jugend.

Anhand ihrer Bewegungen kann man auch in Martas Video erahnen, wie die greise Frau im Kopf Tanzschritte, Sprünge und Flügelschwünge Revue passieren lässt. Es sind ihr vertraute Bewegungen. Tschaikowskis «Schwanensee» gehört zum Standardrepertoire klassischer Ballettkompanien.

Biografiefälschung für einen guten Zweck

Zunächst wurde behauptet, Marta soll 1967 als Primaballerina am New York City Ballet getanzt haben, was sich als falsch herausstellte. Auch handelt es sich bei den historischen Tanzaufnahmen, die in das Video eingebaut wurden, nicht um Marta, sondern um die berühmte russische Primaballerina Ulyana Lopatkina vom St.Petersburger Mariinsky-Ballett. Die Stiftung Musica para despertar entschuldigte sich für den Fake. Man habe über keine Tanzaufnahmen von González verfügt.

Marta soll im New York der 1960er-Jahre jedoch eine eigene Ballettkompanie namens Rosamunda besessen haben. Der US-Kritiker und Historiker für darstellende Künste Alastair Macaulay fand Beweise dafür, dass Marta als Primaballerina in New York gearbeitet hat. Dass Martas Biografie aufgebauscht wurde, ist zwar problematisch. Die Rechnung, internationale Medienaufmerksamkeit auf musikalische Therapieansätze für Demenzpatienten zu lenken, ging aber auf.

Solche spielen auch in der Schweiz, wo nach epidemiologischen Schätzungen von 2019 über 128200 Menschen unter Demenz leiden, eine immer wichtigere Rolle. Experten gehen aufgrund einer älter werdenden Gesellschaft von einer stetigen Zunahme von Alzheimerbetroffenen aus. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO dürfte sich die weltweite Zahl von Demenzkranken bis 2050 nahezu von aktuell 50 auf 152 Millionen nahezu verdreifachen.

Eine Musiktherapie kann das Gedächtnis nicht wiederbringen. Sehr wohl aber Erinnerungen wecken und die nonverbale Kommunikationsfähigkeit der demenzkranken Personen verbessern, was wissenschaftlich belegt zum emotionalen Wohlbefinden der Patienten beiträgt. Das Gesicht Martas bei ihrem letzten «Schwanensee»-Tanz ist der berührende Beweis dafür.