Juanjo Mena: Ein Virtuose
gerade auch der leisen Töne

Das Luzerner Sinfonieorchester eröffnete mit Franceso Piemontesi ausser Programm das Piano-Festival Luzern

Urs Mattenberger
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Zählt zu den renommiertesten Dirigenten Spaniens:  Juanjo Mena dirigiert das Luzerner Sinfonieorchester. (Bild: Jakob Ineichen, 13. November 2019)

Zählt zu den renommiertesten Dirigenten Spaniens: Juanjo Mena dirigiert das Luzerner Sinfonieorchester. (Bild: Jakob Ineichen, 13. November 2019)

Nur vier Tage bevor am Samstag die Festival Strings Lucerne mit Rudolf Buchbinder das letzte Piano-Festival eröffnen, gab das Luzerner Sinfonieorchester quasi ein Vorkonzert dazu. Und bekräftigte ungewollt, wie man das Nebenfestival von Lucerne Festival – mit Kooperationen breiter abgestützt – vielleicht hätte in die Zukunft führen können.

Das bekräftigt zum einen der Blick auf das Publikum. Denn nicht nur sind die beiden Piano-Eröffnungskonzerte mit den Strings (am Samstag und Sonntag) bereits jetzt praktisch ausverkauft. Auch in der ersten Aufführung des Abo-Konzerts des Luzerner Sinfonieorchester war am Mittwoch der Konzertsaal des KKL bis hin zur Orgelempore weitgehend voll.

Ein Pianist wie fürs Piano-Festival

Vor allem aber bot das von Gastdirigent Juanjo Mena geleitete Konzert vom Mittwoch Höhepunkte, die inhaltlich wie vom Niveau her absolut Piano-Festival-konform waren. Das Motto «Ungarn - Klänge der Heimat» führte zwar scheinbar davon weg und mit einer Haydn-Sinfonie zu Beginn in die Irre. Aber Franz Liszts zweites Klavierkonzert mit dem Schweizer Pianisten Francesco Piemontesi eröffnete den Reigen der Meisterpianisten, von denen Arcadi Volodos ebenfalls mit Werken von Liszt die Spätfolgen von Beethovens Pianistik vorführt.

An ungarische Zigeuner erinnerte in Liszts zweitem Klavierkonzert allenfalls der Moll-gefärbte Sehnsuchtston, in den sich Holzbläser und Klavier zu Beginn versenken und der im Verlauf des durchkomponierten Werks wiederkehrt. Schon hier zeigte sich die wandelbare Klangkultur des Pianisten, der einmal Klänge wie Farben ineinanderfliessen liess und sich auch in virtuos flirrenden Feuerwerken nicht mit forciertem Tastendonner in den Vordergrund drängte.

Das ermöglichte in dem vermeintlichen Virtuosenkonzert ein partnerschaftliches Zusammenspiel mit dem phänomenal mitgestaltenden Orchester. In traumversunkenen Passagen verschmolz der Klavierton mit den Bläsern. Umgekehrt übernahm das Orchester martialische Staccato-Salven des Klaviers mit einer scharfen Artikulation, als wäre es ein vergrössertes Perkussionsinstrument. Die Mischung von Raffinesse, wo Piemontesi die Akkorde poetisch entblätterte, bis zum Spektakel mit Orchester führte mit Intensität und Drive zum Konzerthöhepunkt noch vor der Pause.

Abgrundtiefes Wunder an Klang

Daran konnte das zweite sinfonisch reich besetzte Werk nicht anschliessen. Zoltan Kodalys Variationen über das ungarische Volkslied «Der Pfau» trumpfte zwar mit einer breiten zPalette orchestraler Möglichkeiten auf, blieb aber stark vertrauten Mustern bis hin zu süffigen Filmmusiktableausx verhaftet.

Zu unterschiedlichen Resultaten führten die reduzierten Besetzungen in Haydns Pariser Sinfonie Nr. 88 und Bartoks Divertimento für Streichorchester. Bei Haydn spielte Juanjo bei allem Schwung und Akzentfreude sinfonische Klangkraft in einer Weise aus, die ein filigran-spritziges Musizieren einschränkte.

In Bartoks Divertimento – der zweite Konzerthöhepunkt – akzentuierte die orchestrale ­Besetzung wirkungsvoll den Gegensatz zu den solistischen Einlagen. Und diesen gaben Solisten um Konzertmeister Gregory Ahss (in Luzern bekannt vom Lucerne Festival Orchestra) genüsslich den musikantischen Folklore-Kick, auf den das Konzertmotto auch anspielte. Vor allem aber ermöglichte der vergleichsweise sinfonische Streicherbesetzung im langsamen Satz ein Wunder an Klang, in dem sich der Trost Schönheit mit einer Abgrundtiefe von der Leuchtkraft der Geigen bis hinunter in schwarze Bassregionen verband – grossartig.